Corona-Tagebuch #8 – imaginierte Realitäten

Aktualisiert: Mai 20


So nennt der Historiker und Autor Youvai Noah Harari unsere Fähigkeit, das Handeln von Menschenmassen zu koordinieren. Wir kennen sie, oftmals ohne es zu wissen. Eine vorgestellte Wirklichkeit, die unsere ganze Welt umspannt ist etwa Geld. Der Materialwert einer hundert Euro Note beträgt nur einige Cent. Warum also können wir dafür zum Beispiel ein Telefon kaufen. Nur weil sowohl du, wie die Verkäuferin im Elektronikladen daran glaubt, dass das Stück Papier seinem aufgedruckten Kaufwert entspricht. Käme einem von euch beiden Zweifel, bräche die schöne Vorstellung von Geld in sich zusammen. Die Händlerin würde dann vielleicht drei Zentner Kartoffeln von dir verlangen. Hunger und Erdäpfel sind nämlich real.


Da sich praktisch jeder darauf eingelassen hat, daran zu glauben, dass Geldscheine einen höheren Wert haben als ihren Materialpreis, können wir sorglos einkaufen. Geld koordiniert die globalen Warenflüsse. Es hilft uns Eigentums-, ja sogar Patentrechte zuzuordnen. Und vieles andere mehr.

Dabei sollten uns zwei Dinge klar sein:

  1. Imaginäre Realitäten sind eine rein menschliche Erfindung.

  2. Sie machen die Welt, widde widde wie sie uns gefällt.

Wie das funktioniert, erlebten wir vor Corona durch den Aufstieg der AfD. Seit zwei Wochen sehen wir es auf öffentlichen Plätzen in unseren Großstädten auf sogenannten Hygiene-Demos. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass auch AfD-Sympathisanten eine der demonstrierenden Teilgruppen stellt.


Doch das ist ein Fass, dass ich an dieser Stelle verschlossen lasse. Stattdessen mache ich ein anderes auf, das der ...


Bilder von Tagesspiegel – Tagesschau und TAZ

Meinungsfreiheit

Da stellen sich jetzt also seit zwei Wochen regelmäßig einige tausend, nach eigenen Vorstellungen gerne zehn- oder hunderttausende, auf öffentliche Plätze und wehren sich gegen:

  • Die Anfänge der Diktatur.

  • Die Weltverschwörung von Bill Gates, der uns impfen und so alle chippen wird.

  • Die Lüge, dass Corona gefährlicher wäre als ein Schnupfen.

  • Die Dominanz durch Mobilfunkwellen.

  • Usw.


Und wir leben ja in einer Demokratie, in der Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist. Also stehen da Nazis neben Kommunisten neben Impf- und Kapitalismusgegnern. Keiner weiß so richtig, wie es besser geht. Allerdings wissen alle, was auf keinen Fall gehen kann. Und natürlich kennen sie ihre Rechte. Das teilen sie lauthals, ohne Mindestabstand oder Mundschutz, den Ordnungskräften mit, die sie davon abhalten, zu randalieren.


Das machen sie, während Kunden und Mitarbeiter:innen in Friseursalons sich gegenseitig schützen, indem sie Abstand und Hygienemaßnahmen einhalten. Während Schauspieler:innen und Berufsmusiker:innen kostenlose Vorstellungen ins Internet stellen, um im Gedächtnis zu bleiben. Berater:innen Bücher schreiben, weil sie mit der geschenkten, einkommenslosen Zeit, etwas Sinnvolles anfangen wollen, anstatt in Depressionen zu verfallen. Pfleger:innen und Ärzt:innen nach wie vor tausende von Corona-Patient:innen pflegen. Gaststättenbetreiber:innen hoffen, dass die Demonstrant:innen keinen zweiten Lockdown heraufbeschwören, bevor der erste für sie enden konnte. Brasilien die ungebremste Wucht der Welle erlebt. Russland zwar viele Infizierte aber (offiziell) praktisch keine Toten beklagt. In den Gottesdiensten die Gemeinde bei den Liedern schweigt, um die Tröpfchen zu reduzieren.


Da frage ich mich: „Was läuft hier schief?“

Ich stehe in meinem Arbeiten und meine Familie würde wohl unterschreiben, in meinem Leben, dafür ein, dass wir vernunftbegabt sind. Wenn dann solche Bilder im Fernsehen kommen, sagen mir Leute: „Schau Gebhard, so sieht es aus mit deinen spinnigen Ideen. So weit ist unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft gekommen. Das da sind die Vollpfosten, die du mit deiner Demokratie und Deinen Werten schützt.“ Sie sagen es aus verschiedenen Gründen. Ein paar unter Umständen, weil sie mir missgönnen, dass ich tatsächlich von solchen Hirngespinsten leben kann. Die allermeisten wohl eher aus Mitgefühl, einige vielleicht sogar aus Mitleid. Sie wünschen sich an und für sich auch, dass meine Ideen klappen würden. Das ich richtig liegen könnte. Doch dann kommen die Hygienedemos und alles scheint verloren. Ich sehe das anders ...


Meine Gedanken

Also nochmal zurück zur Frage von vorhin: „Was läuft da schief?“

Ich erlebe das regelmäßig in meinen Transformationsprojekten. Das Phänomen ist auch ausführlich in Veränderungsmanagementliteratur behandelt. Es heißt, zu früh gefreut. Doch was steckt dahinter? Wenn einer Gruppe von Menschen – im Corona-Fall praktisch der ganze Erdball – etwas Unerwartetes passiert, dann wollen sie es kaum wahrhaben. Darüber schrieb ich schon in #3. Über Gehorsam oder Verstand bekommt man uns doch dazu, mitzuspielen. Nach ein paar Wochen glauben viele – jetzt hat sich grundsätzlich was verändert. Ging die Veränderung über Gehorsam, heißt es: Weit gefehlt! Sobald die kleinste Möglichkeit auftaucht, aus den Vorgaben auszubrechen, wird das ausgenutzt. Und zwar viel heftiger, als üblich. Die „Unterdrückten“ müssen sich jetzt lauthals Luft machen. Genau dasselbe Muster sehe ich hier. Da alle Bürger sechs Wochen brav waren, dachten Politiker, wir hätten es verstanden. Also können sie, weil wir ja aufgeklärt sind, die Maßnahmen lockern.

Keine Angst, ich merke, dass sie bei der weiten Mehrheit wohl richtig liegen. Selbst wenn ich auf der Straße viele Menschen jetzt doch deutlich enger zusammen stehen sehe, als empfehlenswert, halte auch ich das Risiko an der Stelle für eher gering. Woanders ergibt sich freilich ein weitaus kritischeres Bild. Rufen wir uns nochmal kurz ins Gedächtnis, wie es zur ersten Verbreitung über Europa kam. In Italien und Spanien ging es von einem gut besuchten Fußballspiel aus. In Bayern, Skandinavien und einigen anderen Regionen war es wohl der Besuch einer Apres-Ski-Bude in Ischgl. In Nordrheinwestfalen eine Karnevalsveranstaltung. In Frankreich ein Ärztekongress. Was haben diese Ereignisse gemein? Ach ja, ein paar hundert oder tausend Menschen aus verschiedenen Ecken der Welt kommen zusammen. Sie können oder wollen sich nicht an den Mindestabstand halten. Die Tröpfchen fliegen, die Viren arbeiten und drei Wochen später gibt es einen unterschiedlich radikalen Lockdown.


Wir, die wir uns an die Zusammenhänge halten wollen, können also bei den freien Meinungsäußer:innen nur darauf hoffen, dass sie entweder recht haben oder die Tröpfchen auf den öffentlichen Plätzen unserer Städte weniger effizient unterwegs sind. Wie es ausgeht, wissen wir sicher in drei Wochen. Denn neben den imaginierten Realitäten gibt es ja die wahre Wirklichkeit. In der gelten Taten mehr als Worte.


Meine Kunden möchte ich vor so etwas bewahren. Doch wie geht das ohne Diktatur? Wir trainieren die Mitarbeiter:innen, sich aufgeklärt zu verhalten. Dazu bekam ich neulich einen wunderbaren Tweet. Darin meinte Uwe Kauffmann:


Er weist mich darauf hin, dass wir uns zwar rational verhalten können, das aber keineswegs tun müssen. Das wäre sogar nur ein Abfallprodukt unseres Bewusstseins. Ich kontere schmunzelnd: „Auch ein Abfallprodukt ist ein Produkt.“ Wir kappeln uns im Informationsaustausch weiter. Am Ende stellen wir fest, dass wir mit unseren Blicken auf die Welt vielleicht enger beieinander liegen, als wir anfangs dachten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Meinungsfreiheit zu kurz greift.


Dazu gibt es ein sehr hörenswertes Interview mit dem Philosoph Michael Hampe im Deutschlandradio:


Er stuft darin Meinung von Glauben und Wissen wie folgt ab:

  • Meinung hat demnach eine schwache Ausprägung. Sie ist unfundiert. Das macht sie flexibel und tolerant: „Ich meine, wir könnten uns auch wieder mal treffen.“ Über der Meinung steht zum einen der

  • Glauben. Er ist ebenso unfundiert. Allerdings basiert er auf der Überzeugung, dass man Recht hat. Das macht ihn intolerant und unflexibel. „Ich glaube denen kein Wort. Das Virus gibt es doch überhaupt nicht. Wann treffen wir uns?“ Zum anderen finden wir jenseits der Meinung das

  • Wissen. Es ist fundiert, selbstkritisch und unabhängig von Meinung und Glauben gültig: „Ich weiß, wie schwer die Erkrankung verlaufen kann. Da wir noch keine Gegenmittel haben, können wir uns gerne treffen, aber per Video-Call.“

Solange Menschen ihre Meinung äußern, können wir in eine Auseinandersetzung einsteigen, die der Wahrheitsfindung dient. Sobald daraus ein Glaube wird, treten wir in einen Wettstreit ein. Jetzt geht es darum, wer recht hat. Wir Menschen können die Wahrheit so von der Wirklichkeit lösen. Sie gehört dem, der über die imaginierte Realität bestimmt. Was schon bei der Inquisition funktionierte, lässt sich dieser Tage immer schwieriger von der Hand weisen.


Also kann Aufklärung im 21. Jahrhundert zwar weiterhin dem Ideal der Mündigkeit folgen. Sie kann auch noch immer nach Wahrheitsfindung streben. Dennoch müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen. Nur weil es einige aufgeklärte Intellektuelle gibt und weil Herr Drosten, das RKI und Virologen auf der ganzen Welt versuchen, uns die Wirklichkeit zu erläutern, heißt das im Umkehrschluss keineswegs, wir wären sicher vor machthungrigen Vollpfosten. Leider gelten in unserer Kultur Ideale, die es dem Abfallprodukt des Denkens, der Vernunft, schwer machen, sich zu entfalten. Ganz vorne wären da wohl Eitelkeit und Rechthaberei zu nennen. Die beide wunderbar in einer grundsätzlich auf Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft beste Bedingungen vorfinden, zu gedeihen.


Das es auch anders geht, kann ich tatsächlich nachweisen. Inzwischen haben sich all meine Kunden bei mir mit einer ähnlichen Botschaft gemeldet wie diese Mitarbeiterin via Whatsapp:


Meinen Kunden gelingt es mit mir systematisch, die Vernunft bei Menschen zu trainieren. Das Ergebnis davon ist, dass all diese Firmen vergleichsweise erfolgreich mit der aktuellen Situation umgehen. Aus dieser Erfahrung heraus bleibe ich Optimist. Ich bin überzeugt, das kann uns in der ganzen Gesellschaft gelingen. Deshalb hier einige mehr oder weniger ernst gemeinte Ratschläge, wie wir mit den derzeitigen Entwicklungen konkret handeln können.


Demonstranten wie Kunden behandeln:

Friseur:innen und bald auch Gastronom:innen sind verpflichtet, ein Logbuch über ihre Klient:innen zu führen. Die Firma Netsyno aus Karlsruhe hat ihnen eine kleine App gebastelt, die das alles DSGVO-konform tut:


Auch wenn mir völlig klar ist, dass es genau darum nicht geht, finde ich folgenden Gedanken charmant. Die Veranstalter:innen der Hygiene-Demos müssen dieselben Daten von ihren Kund:innen festhalten. So können die Gesundheitsämter in drei Wochen nachvollziehen, woher die zweite Welle kommt. Ein Teufelchen in mir würde es dann den Pfleger:innen und Ärzt:innen freistellen, ob sie diese Patient:innen, die ja überhaupt nicht an Corona glauben, als Simulant:innen abtun oder tatsächlich behandeln.


Eine Prämie für Selbstversorger:innnen:

Anstatt den Neukauf eines Autos zu unterstützen, schlage ich vor, wir stützen jede:n, die:der jetzt ein Hochbeet, einen Schrebergarten oder ein Gemüsebeet anlegen will. Die Erstausstattung bekommt sie:er vom Staat. Außerdem starten die Länder eine Online-Seminarreihe, die uns beibringt, wie das geht. Vom Aufbau des Hochbeets über die Auswahl der korrekten Erde, bis zum Säen, Pflegen und Ernten. Mit Permakultur und allem Drum und Dran.

  1. Erstens entlastet das unsere Systemrelevanten Supermarktmitarbeiter.

  2. Zweitens macht es uns unabhängiger von irgendwelchen Großhandelsketten und der damit verbundenen Produktionsindustrie.

  3. Drittens ist es gesünder.

  4. Viertens entlastet es den CO2 Abdruck, weil die Güter nicht mehr in der ganzen Welt rumgeschippert werden müssen.

  5. Und Fünftens kommen Pflanzen zurück in die Städte.

Vielleicht würde das den einen oder die andere auch davon ablenken, einfach wieder in dasselbe Hamsterrad zurückzuwollen, das vorher schon in einige falsche Richtungen drehte?


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht ...

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Gebhard Borck


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