Corona-Tagebuch Woche 4 – Systemwechsel?

Aktualisiert: Apr 20

Die Luft ist raus?!

Photo: Unsplash Charles Pickrell

Gestern las ich die Stellungnahme der Leopoldina. Sie spricht von den notwendigen Rahmenbedingungen für die Exitstrategie aus der Corona-Krise. Da war mein Blog (siehe unten) schon geschrieben. Heute morgen geht es mir schon anders. Einigermaßen zynisch lässt sich das Papier der Wissenschaftler –übrigens ein Virologe war nicht dabei– so zusammenfassen: Erst einmal die Schüler wieder zurück in die Schulen bringen. So sind die Bälger wieder betreut. Damit können ihre Eltern dann auch wieder zur Arbeit. Und das schaffen die problemlos, weil ja jetzt alle Schutzmasken tragen werden. Um eine zweite Welle zu vermeiden, laden wir uns alle eine App aufs Handy. Ganz freiwillig geben wir darin dann unsere Bewegungsdaten frei und mehr noch, mit wem wir uns, wann nahe gekommen sind. Zumindest unsere Smartphones. Das alles machen wir in den kommenden paar Wochen und schwupps geht es uns in allen Bereichen wieder gut –Gesundheit, Wirtschaft, Kultur–. Ok. Konzerte kann es erst wieder geben, wenn wir eine wirksame Impfung haben.


Meine hier an den Tag gelegte Emotionalität wurzelt in Folgendem:

Es ist offensichtlich schlecht, dass das Gros der Gesellschaft noch in der Krise stecken kann, wenn der Schock abklingt. Bei mir war die letzte Woche so etwas wie eine neue Routine eingekehrt. Nach den nötigen Anpassungen an den Not-Modus gab es viel Zeit, um mein ganzes Arbeiten zu hinterfragen. Ich kam da zum Glück auf wenig Neues. Doch bei anderen Menschen aus meinem Umfeld hatte ich den Eindruck, da passiert was. Sie waren offen, sich auf grundlegende Fragen einzulassen, die sonst stets hinter dem Alltagsstress auf der Strecke bleiben. Ganz ehrlich, meine Hoffnung war, dass sich da in dieser und der nächsten Woche noch mehr tut. Warum? Weil ich es aus meinen Transformationsprojekten gewohnt bin, dass Menschen zu tollen neuen Gedanken kommen, wenn sie erst einmal akzeptieren können, dass sich etwas verändert.

Jetzt gibt die Leopoldina die Hoffnung, dass bald schon für viele alles beinahe so wird, wie noch vor vier Wochen. Klar, mit App und Mundschutz. Aber davon abgesehen. Endlich wieder arbeiten. Endlich wieder den vielen leeren Stunden entfliehen. Endlich wieder abgelenkt. Ist es vermessen, wenn ich mich ein wenig ärgere, dass das zu früh sein könnte?


Ein anderer Aspekt ist, dass der Neustart vielleicht für 70 oder 80% der Wirtschaft gilt. Vermutlich für den größten Teil der Industrie. Bei mir als Berater sieht das ganz anders aus. Die Budgets für meine Leistungen sind in den meisten Firmen für 2020 und vermutlich auch für 2021 zu einem guten Teil aufgebraucht. Für Meine Kolleg:innen, mich und andere Serviceberufe dürfte die Durststrecke noch eine ganze Zeit länger dauern, als in der Industrie, die jetzt sicherlich auch staatlich weiter befeuert wird. Ich denke, was für sie gilt, geht an kleinen und kleinsten Firmen ungestreift vorüber. Wir werden selbst zu schauen haben, wie wir die nächsten sechs bis zwölf Monate, mit stark reduzierten Einnahmen, auskommen.


Wenn beides so kommt, hat die Corona-Krise im großen Bild nur eines geschafft. Die bestehenden Strukturen von groß = mächtig wurden dann gestärkt. Und es wird für die Friedfertigen unter uns noch mehr Energie brauchen, den Tanker ins Schlingern zu bringen.


Doch jetzt genug von der aktuellen Emotionalität. Hier mein Blogbeitrag zur letzten Woche ... 😉:


Fakten

  • Umsatzrückgang seit letztem Montag = 0% (wo nichts ist, kann auch nichts zurückgehen)

  • Arbeitstage ohne fixe Termine aktuell = 3

  • Buchprojekt Fortschritt = 98.175 Zeichen

  • Mock-Ups für Softwareprojekte begonnen = 1 | offen = 2

  • Reichweite Toilettenpapier bei üblichem Verbrauch = ca. 10 Monate (ich habe über die Firma bei einem Großhändler die kleinste Verpackungseinheit gekauft 😉)

  • Soforthilfeantrag in Baden-Württemberg gestellt. Soforthilfe bekommen!

  • Downloads meiner derzeit kostenlosen eBooks = unbekannt (Amazon hat die Aktion beendet. Und auf meiner Webseite laufen keine Überwachungsbots, auf die ich Zugriff hätte.)




Links rund um das Thema:

Diese Woche wieder internationaler:


Elaine Doyle (@laineydoyle) macht auf Twitter so etwas wie A/B Vergleich zwischen Irland und Großbritannien im Umgang mit der Krise:


Was sie anprangert, schien Anfang der letzten Woche auch in Schweden die Regierung zum Umlenken zu bewegen. Zumindest waren sich Regierung und Opposition einig, dass es Sonderrechte braucht. Allerdings so konsequent wie in anderen Ländern, ist es in Schweden weiterhin nicht. Dennoch ging die Sterberate in den letzten Tagen deutlich zurück. Es sei den Schweden gegönnt, wenn ihr Weg klappt.

Hierzulande machen wir uns derweil Gedanken, wie wir bestimmte Grundrechte auch in der Ausgangsbegrenzung bewahren. Eines davon ist das Recht auf Protest. Perspective Daily spricht in diesem Artikel mit dem Protestforscher Swen Hutter und zeigt Beispiele, wie Protest trotz Corona klappt.

Zugleich versuche ich damit klar zu kommen, dass ständig die verschiedensten Infos auf mich einprasseln. Im Supermarkt treffe ich inzwischen regelmäßig vollvermummte Deutsche. Da stell ich mir manchmal die Frage, ob die sich vor einigen Monaten an der Debatte ums Vermummungsverbot zustimmend beteiligten. Doch Spaß beiseite. Hier noch einmal ein paar verlässliche Daten für beide Seiten:

  • Wer nach wie vor annimmt, Corona sei doch nur eine normale Grippe, dem sei die Verlaufsdefinition des RKI ans Herz gelegt. Für mich als Laien war es gut, mal mit einer Ärztin zu sprechen, was das übersetzt bedeutet. Mild bis moderat heißt von keinen Symptomen bis zu dem, was wir als Grippe kennen. Moderat bis schwer ist dann irgendwas zwischen Sauerstoffmaske und intubiert. Lebensbedrohlich heißt, dass man an ein Gerät angeschlossen werden muss, über das dem Blut direkt Sauerstoff zugeführt wird, weil über die Lunge viel zu wenig davon ins Blut kommt.

  • Wer meint, sie/er ist darüber erhaben, der versuche sich in in einen Hotspot durchzuschlagen. Dort werden händeringend immune Menschen gesucht, um die Simulanten zu betreuen. Sorry, wenn hier der Sarkasmus mit mir durchgeht. Aber es ist doch nach wie vor verwunderlich, bei wie vielen die Verleugnungsstrategie nach wie vor anhält. Hier dazu auch noch eine Übersicht, wo grade Not am Mann ist.


Diese Woche fiel mir auch auf, dass ich wohl zu sehr in der realen Welt unterwegs bin. So wurde ich zweimal auf folgende Merkwürdigkeit angesprochen: "Ist Dir klar, dass der Virus die ganze Welt trifft?" Beim zweiten Mal wusste ich schon, um was es wohl geht. Und ja, in beiden Fällen sprachen wir von einer Strafe Gottes, die über uns hereinbricht. So von Christen aufmerksam gemacht, musste ich über einen Beitrag im Deutschlandfunk schon ein bisschen schmunzeln: Koran gegen Corona. Im Beitrag erklären islamische Rechtsgelehrte, wie ein Gläubiger richtig mit dem Virus umgeht. Am Ende gab es keine Schwierigkeiten mehr, denn Virus, Wissenschaft und staatliche Maßnahmen kommen letztendlich alle von Gott. Da kann man auch mal Zuhause beten und den Ramadan um die Tage des Lockdown verschieben. Ähnlich verhält es sich mit dem leeren Vatikan an Ostern und dem, dieses Jahr vom Papst rein virtuell geteilten, Ostersegen. Mir kam dazu häufig das Konzept Hararis der zwei menschlichen Realitäten in den Sinn. Und ich musste auch hier schmunzeln, wie schnell sich ansonsten stocksteife imaginierte Realitäten an die Wirklichkeit einer Pandemie anpassen können.

Wo das überhaupt ziemlich fehl schlägt ist in Afrika. Dort beginnt der Kampf gegen Corona gerade. Doch schon jetzt zeigen sich die brutalen Unterschiede zu uns. In einem Beitrag, den ich im Deutschlandfunk hörte, brachte es ein Mann so auf den Punkt: "Ich kann mich nicht um das komische Corona kümmern. Wenn ich Zuhause bleibe, sterben wir an Hunger." In Kenia und anderen Ländern gibt es kein staatliches Gesundheitssystem. Außerdem setzt sich der Arbeitsmarkt komplett anders zusammen. Dort gibt es viele Tagelöhner. Sie leben von der Hand in den Mund. Homeoffice bedeutet für sie ganz konkret Hunger und Durst zu leiden. Das alles in Ländern, die gerade anfingen, im 21.Jahrhundert vielleicht doch auf Verbesserung ihrer Situation zu hoffen.


Das bringt mich zu meinem zentralen


Gedanken

für diese Woche. Immer noch führe ich zugleich Gespräche, dass die ganze Situation mit dem globalen Lockdown eine Chance gerade für meine Ideen von Wirtschaft sein muss. Im letzten Beitrag verwies ich auf die psychologischen Verleugnungsstrategien, die viele davon abhalten, es so zu sehen. Je mehr allerdings die wirtschaftlichen Konsequenzen sichtbar werden, umso deutlicher verschiebt sich mein Bild in eine andere Richtung.


Um meinen Punkt klar zu machen hilft ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Als die Industrialisierung Fahrt aufnahm, brauchte sie Arbeitskräfte. Allerdings war damals kaum jemand, der es vermeiden konnte, dazu zu bringen, in einer Fabrik anzufangen zu arbeiten. Deshalb standen viele Fabriken neben Zucht- oder Waisenhäusern. Dort fanden sich willige Arbeiter. Allerdings brauchte die Industrie stets mehr Arbeitskraft. Schließlich wechselten Industrielle irgendwann ihr Angebot. Anstatt von acht bis zehn Stunden harter Arbeit an sechs Tagen die Woche, gab es jetzt eine Existenz. Ein warmes und trockenes Dach über dem Kopf für die ganze Familie. Drei warme Mahlzeiten am Tag. Alle Kinder konnten zur Schule gehen. Und ein zunehmend passender Lohn. So wurden die Felder verlassen und die Fabriken gefüllt. Sprich, man verführte keineswegs mit einer phantastischen Zukunft. Vielmehr versprach man eine Existenzverbesserung für die ganze Familie. Mehr noch, die Industriefamilien des ausklingenden neunzehnten Jahrhunderts, hielten diese Versprechen weitgehend ein. Und zwar für jeden, der bereit war, das Feld zu verlassen.


Genau das ist der Punkt, der all unseren Phantasien über die notwendigen Transformationen, die Corona anstoßen soll fehlt. New Work fordert Menschen auf, ihre sichere Existenz zu verlassen. Seid Rebellen auf der Arbeit. Nehmt euer ökonomisches Schicksal gefälligst selbst in die Hand. Schmeißt Euren langweiligen 9-5-Job hin. Macht euch frei vom abhängigen Arbeiten. Für ein paar wenige, klappt das sogar. Die werden dann gerne als Beispiel vorgezeigt: "Seht ihr es geht. Hört auf zu zögern. Legt los!"

Diese fromme Forderung kommt ohne Sicherheiten daher.


Deshalb meine kurze These für diese Woche:

Gesellschaftliche Transformation wird es nur geben, wenn es den neuen Ideen gelingt, Millionen und Abermillionen von Menschen eine Existenz zu versprechen und das Versprechen auch zu halten.

Ansonsten hat Corona nur das zur Folge, was sich zur Zeit am Horizont andeutet. Die schwerste wirtschaftliche Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Sicherlich wird auch das unsere Gesellschaft transformieren. Allerdings kaum in ihren Grundstrukturen. Da geht es, wenn uns nicht mehr einfällt als Webkonferenzen und schöne Worte, wohl eher rück- als vorwärts.


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht …


Hier geht's zu den vorherigen Tagebucheinträgen:

Woche 5

Woche 3

Woche 2

Woche 1


Gebhard Borck


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