Corona-Tagebuch Woche 5 – privilegierter Übermut

Aktualisiert: Mai 3

Fakten

  • Umsatzrückgang seit letztem Montag = keiner, tatsächlich gab es den ersten Einkauf in meinem neuen Webshop. Es lief alles schief: (Zuerst war die falsche Mehrwertsteuer auf der automatisch erstellten Rechnung ausgewiesen. Ich schrieb eine freundliche Mail an den Besteller und hängte eine korrigierte Rechnung an. Dann stellte ich fest, dass die zweite Quittung von der falschen Firma kam. Am Sonntag stimmte dann alles. Jetzt könnt ihr auch kaufmännisch richtig in meinem Webshop bestellen 😉 – Reality fixes bugs!) Doch damit habe ich die vergangene Woche ca. 8 Euro Umsatz erzielt.

  • Arbeitstage ohne fixe Termine aktuell = 3

  • Buchprojekt Fortschritt = 124.305 Zeichen

  • Mock-Ups für Softwareprojekte begonnen = 1 | offen = 2

  • Reichweite Toilettenpapier bei üblichem Verbrauch = ca. 9,5 Monate

  • Downloads meiner derzeit kostenlosen eBooks = unbekannt (Amazon hat die Aktion beendet. Und auf meiner Webseite laufen keine Überwachungsbots, auf die ich Zugriff hätte.)


Wilhelm Gunkel – unsplash

Nach langer, langer Zeit habe ich mir mal wieder unsere Politiker live angeschaut:

Es war die Erklärung von Angela Merkel, Markus Söder, Peter Tschentscher und Olaf Scholz über das weitere Vorgehen zu den Lockerungen im Rahmen der Corona-Krise. Bis heute werden die Einzelheiten wieder chirurgisch auseinandergenommen. Dabei hagelt es gefühlt ziemlich viel Kritik. Denn, die Vorschläge scheitern an der ein oder anderen Realität. Doch mir ging es damit ganz anders. Ich wollte mich gerne bedanken. Und das will ich auch erklären. Doch zuerst einmal Danke, dass ich ...

  • in Deutschland lebe, dem Land, das unter den großen Staaten mit am besten abschneidet, was die Sterberate im internationalen Vergleich angeht.

  • Kunden hatte, die mir ermöglichten, in den vergangenen Jahren durchweg ein mittleres bis hohes Einkommen zu erzielen. So hält unsere Familie die aktuellen Beschränkungen gut aus.

  • Kinder habe, die gut miteinander auskommen. Sie sitzen schon seit nunmehr vier Wochen fast die ganze Zeit in unserer Wohnung fest. Keine Treffen mit Freunden, kein Sport, keine Theaterproben. Einzig Videochats und Messenger-Dienste halten den Kontakt zu Freunden.

  • eine Frau habe, die ebenso gelassen mit der Situation im Homeoffice klar kommt wie ich.

  • mich mit meiner Familie vor sieben Jahren dazu entscheiden konnte, eine große Wohnung mit Terrasse und Garten zu beziehen. Sie gibt uns die Freiheit, uns auch mal aus dem Weg zu gehen. Jede:r hat sein Rückzugsgebiet.

  • in einem Staat lebe, der soziales Miteinander systematisiert hat. In dem es so etwas wie staatlich gestütztes Kurzarbeitergeld gibt. Der seine Intensivbettenkapazität in wenigen Wochen fast verdoppeln kann. Und das, obwohl er eh schon die höchsten Kapazitäten in Europa hat. Der mir als Selbständigem eine Soforthilfe zukommen lassen kann.

  • in einem Land lebe, in dem die Regierung darauf verzichtet, Frau Merkel mehr Entscheidungsmacht zu übertragen und sich stattdessen als föderales System zusammenrauft.

  • in einer Demokratie lebe, in der nicht alle über einen Kamm geschert werden. Lokale und regionale Umstände sollten den Raum haben, eigene Wege zu gehen, insofern sie damit niemanden gefährden.

  • mit so vielen Menschen zusammenlebe, die auf Distanz achten. Im Supermarkt, beim Bäcker, beim Gemüseladen und bei Spaziergängen.


Wenn ich über unsere Landesgrenzen hinweg schaue, sehe ich deutlich mehr Not und teilweise auch Verzweiflung, als das bei uns der Fall ist. Da kommt es mir schon beinahe lächerlich vor, wie die Mehrheit der versammelten Journalistenschar auf den 800 Quadratmetern, den Schulöffnungen, der Diskussionskultur und den verschiedenen Vorgehensweisen in den Bundesländern herumhackten.


Meine Gedanken

Tatsächlich kenne ich diese Manie, Vorschläge unreflektiert kritisieren zu müssen, aus den Firmen, die ich in Transformationen unterstütze. Was passiert hier? Seit Tagen sind die Reporter darauf eingeschossen, die Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden zu kritisieren. Sie dauert zu lang. Die Einzelhändler gehen am Lockdown zugrunde. Restaurants und Hotels stehen vor der Urlaubssaison. Die Eltern müssen zuhause bleiben, weil ihre Kinder keine Betreuung in der Schule bekommen.

Zu all diesen Punkte geben die Vertreter aus allen drei Gremien dann Auskunft. Und sie erklären sich. An und für sich wissen wir alle, dass "nur" Kompromisse dabei herauskommen können. Die den einen besser gefallen als den anderen. Jetzt suchen die Medienvertreter nach dem größten Spannungsfeld. Denn Konflikte, emotionale Reaktionen, Fettnäpfchen und dergleichen sind es, die Auflage und Aufmerksamkeit versprechen.


Ich finde, ähnlich wie bei meinen Transformationen, sind das Störfeuer, die vom Wichtigen ablenken. Denn was ist es, das wir brauchen, damit aus den Lockerungen keine zweite Welle, mit einem noch verheerenderen Lockdown entsteht? Im Deutschlandradio gibt es dazu die gute Frage, warum die Sterberate hier (noch) so niedrig ist? Das ist es, was uns interessieren sollte. Warum stehen wir so gut da? Hier meine Ideen dazu und meine Folgerungen, was das für kommendes Verhalten bedeutet:

  • Die Sterberaten sind hierzulande so niedrig, weil wir viel testen. Dennoch ist es noch bei weitem zu wenig. Eine Stichprobenstudie in Österreich zeigt, wie weit wir noch von einer Herdenimmunisierung weg sind. Die Studie legt nahe, dass 0,33% der österreichischen Bevölkerung bereits infiziert waren. Ich halte das für übertragbar, weil die Sterberate, bezogen auf die Einwohnerzahl in beiden Ländern, ähnlich niedrig ist. Auf Deutschland übertragen wären das 264.000 Menschen. Das ist knapp das Doppelte der aktuell diagnostizierten Erkrankungen. Und dennoch ist es mindestens um den Faktor 182 entfernt von den für eine Herdenimmunisierung nötigen 60% bis 70%. Das heißt, wir müssen noch viel mehr testen. Gute Fragen sind also: Wann kommen verlässliche Antikörpertests und wie stellt die Regierung sicher, dass möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit getestet werden? Denn dann können sich die Menschen individuell sinnvoller verhalten. Ein Gesprächspartner sagte mir letzte Woche in einem Telefonat: "Im Herbst dürfen wir wieder in Restaurants gehen. Doch dann gibt es keinen Raucherbereich mehr. Stattdessen gibt es Tische mit und ohne Corona-Infizierte."

  • Schon seit meinem ersten Tagebucheintrag weise ich darauf hin, dass die Medien auf eine Vergleichbarkeit der Messwerte pochen sollten. Was bedeutet Sterberate in Deutschland, was in Schweden, was in den USA. Oder Ansteckungen insgesamt? Oder gesundete Verläufe? Es sieht so aus, als ob wir hier vergleichsweise gut klar kommen. Doch tatsächlich vergleichen wir Äpfel mit Birnen. Daraus zieht die Regierung, meiner Meinung nach, die richtigen Schlüsse. Sie lockert sehr vorsichtig und beobachtet weiterhin genau. Doch in den Lockerungen kommt es auf uns an. Wie gehen wir damit um? Stürmen wir heute Nachmittag geballt den Einzelhandel, weil wir jetzt seit drei Wochen auf Konsumentzug sind? Was an sozialer Interaktion ist jetzt wieder möglich? So wie ich die Zahlen verstehe, praktisch nichts. Wir haben jetzt drei Wochen im Supermarkt üben dürfen, den nötigen Abstand zu halten. Das sollte genauso bleiben. Anstatt die 800 Quadratmeter in Frage zu stellen, sollten uns die Medien informieren, wie wir das hinbekommen. In den Supermärkten, Apotheken und Baumärkten hat es geklappt. Die Lockerungen der Regierung sind allerdings keine Lockerungen der Abstandsregel. Medien könnten uns Vorschläge machen, wie das in der Umkleide eines Modegeschäfts funktionieren kann, anstatt von der Regierung zu verlangen, dafür eine Vorschrift zu machen. Sollte die darauf eingehen, brauchen wir uns anschließend wenig zu wundern, dass die staatlichen Regelungseingriffe in unser Leben weiter zunehmen. Vielleicht übersehe ich ja, wie die vierte Ordnungsmacht vorbeugend konstruktiv dazu beiträgt, eine solche Regelungswut zu verhindern. Mein Eindruck ist, viele ihrer Vertreter würden sich darüber freuen, denn dann gäbe es ja wieder was plakativ simpel zu kritisieren. So verkommen sie zu ihrem eigenen Klischee

  • Für mich gab es zu wenig Nachfragen zum neuen Normal. Vielleicht gibt es hier ja einen, zugegebenermaßen weit hergeholten, Zusammenhang mit der stark auf Effekt ausgelegten Fragerei durch die Medien. Politiker jedweder Färbung benutzen inzwischen diesen Ausdruck. Danach kommen dann die Hinweise auf die 1,5 Meter, auf die Alltagsmasken, auf die Gruppengröße im öffentlichen Raum, usw. Doch was ist unter Umständen das wirtschaftlich neue Normal. Ich höre von Firmen, die merken, dass sie mit Homeoffice erhebliche Immobilienkosten sparen können. Weshalb bereits abgeschlossene Büromietverträge wieder gekündigt wurden. Auf der anderen Seite stellen Menschen fest, dass sie viele Sachen tatsächlich von Zuhause aus erledigen können. So fallen Fahrzeiten weg. Das bringt Raum, um etwa mit den Kindern Federball zu spielen. Doch auch andere Auswirkungen sind zu sehen. Zeitungen und Zeitschriften verlieren teilweise massiv ihre Werbekunden. In Folge reduzieren sie die Onlinepreise für ihre Artikel. Sie wollen ihr Einkommen nun plötzlich direkt vom Konsumenten. Dafür sind sie bereit, neuerdings zunehmend massentaugliche Preise anzubieten. Vielleicht ein Weg, mit qualitativ hochwertigem Journalismus wieder zu punkten. Ein Geschäftsmodell, das Perspective Daily schon seit Gründung fährt. Deren Kunden sind einzig und allein die Konsumenten ihrer Artikel. Dort gibt es keine Werbung. Ich denke, es wäre sinnvoll, wenn die Medien für alle Branchen, nach Geschäftsmodellen auf Distanz suchen, anstatt jetzt ihre Zeit damit zu verbringen, die Regierungen zu fragen, ob sie die wirtschaftliche Hilfe weiter aufstocken. Dafür gibt es in den meisten Branchen Verbände und Lobbyvertretungen. Die können und sollen sich darum kümmern.


Was mich allerdings noch weit mehr besorgt, ist das Missverständnis, dass die Lockerungen die physischen Distanzregeln betreffen. Es scheint Wind unter die Flügel der Verharmloser zu sein. Da werden dann schon wieder Treffen mit Familie und Freunden vereinbart. Ich erfahre von einer Gruppe von drei Familien – Kinder und Eltern – die zusammen Hunde Gassi führen. Solche Menschen geben mit ihrem Verhalten in der Öffentlichkeit Entwarnung: "Leute, das Schlimmste ist vorbei. Jetzt wird es wieder so wie vorher!"

Wie weit das von der Wirklichkeit weg ist, zeigen Tweets wie dieser hier:



Etwas differenzierter sieht dazu der Bericht eines spanischen Arztes aus, der seit Wochen in einem Krankenhaus mit Corona-Patienten arbeitet:



Iván Moreno beschreibt darin die Entwicklungen, die sie an seinem Krankenhaus in den letzten Wochen im Umgang mit der Corona-Behandlung machten. Spannend sind einige Zahlen, wie etwa, dass die Sterblichkeitsrate bei ernsten Verläufen auf 50% ansteigt oder dass durchaus auch viele jüngere Menschen betroffen sind.

Vor allem macht er Mut. Er erzählt, wie sie Behandlungsmethoden finden, die den Verlauf lindern können. Wie sich die Aufenthaltszeit im Krankenhaus verringert. Das alles sind Faktoren, die uns einer physischen Normalität wieder näherbringen können. Am Ende des Videos stellt er klar, dass wir Herdenimmunität brauchen. Allen Spanier:innen empfiehlt er allerdings: "Bekomm es nicht jetzt. Bekomm es erst im Herbst. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dich gut behandeln können und du auch einen Platz im Krankenhaus bekommst, wenn nötig, deutlich höher."


Ivan weißt auf einen anderen Umstand hin, den komplexe Situationen ausmachen. Die menschliche Lernkurve in Krisen ist auch überproportional. Was vor drei Wochen noch unvorstellbar war, ist heute schon so etwas wie "normal". Und das bezieht sich auf weit mehr als Atemmasken und Einweghandschuhe in der Öffentlichkeit. Es gilt auch für Behandlungsmethoden in Krankenhäusern. Für den Einsatz von Medikamenten usw.


Dennoch wird so langsam auch ein anderer Aspekt zunehmend klar. Corona macht soziale Unterschiede. Nicht nur aus Afrika kommen Berichte, wie verheerend ein Lockdown auf Länder auswirkt, in denen viele Taglöhner:innen arbeiten. Hier ein Beitrag aus dem heute journal vom 18.04.2020:

Auch in den Banlieues von Paris grassiert der Virus deutlich stärker als in bürgerlichen Milieus. Wie dieser Bericht ebenfalls aus dem heute journal, diesmal vom 19.04.2020 zeigt:



Doch keine Sorge, das Thema kommt auch wieder zurück zu uns in die Mittelklasse. Im Deutschlandradio gibt es ein kurzes Feature zum selben Thema. Diesmal sprechen wir von Madrid. Eine Einwanderin aus Südamerika beschreibt hier auf der einen Seite, wie sie in der engen Wohnung in einem Armenviertel zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester lebt. Ihre Arbeit ist allerdings im Haus einer Familie, in der beide Eltern berufstätig sind. Sie kümmert sich dort um den Haushalt, kocht und betreut die Kinder. Ihre Schwester war vor kurzem erst krank. Vieles deutet auf Corona hin. Getestet wurde sie nicht, da es keine Kapazitäten gab. Dem Rest der Familie geht es gut. Und so geht sie morgen wieder zu ihrer Arbeit.


Versteht mich richtig. Das soll keineswegs zeigen, wie viel besser wir das in Deutschland hinbekommen. Vielmehr will ich darauf hinweisen, wie schnell es zu einer zweiten Welle an Infektionen kommen kann, sollten wir die Lockerungen auch als Lockerungen des physischen Umgangs und der Hygiene verstehen. Die Studie aus Österreich deutet es an. Mit den Maßnahmen aus den letzten Wochen und deren Einhaltung, ist uns ein Kollaps des Gesundheitssystems mit den vielen tausend Toten wie in Italien, Spanien, UK oder USA hierzulande erspart geblieben. Doch es gibt noch keine Impfung. Es fehlen weiterhin spezielle Medikamente zur Behandlung. Immer noch ist es bei einer erneuten Öffnung des sozialen Lebens schwer nachvollziehbar, mit wem wir uns in den letzten zwei Wochen trafen. Nach wie vor kann also die Übertragungsrate innerhalb von Tagen wieder exponentiell anwachsen. Ich denke,

wir tun gut daran, den Ausnahmezustand in unseren Köpfen zu bewahren und uns danach zu verhalten.

Auch wenn jetzt wieder mehr Geschäfte öffnen und unsere Kinder wieder in die Schule gehen. Was wir haben, entstand kaum daraus, dass wir uns so gaben, wie es vor acht Wochen "normal" war. Die neue Wachsamkeit auf die Gefahr von Übertragungswegen könnte in einem Jahr der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg gewesen sein.


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht … Hier geht's zum nächsten Eintrag.

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