Corona-Tagebuch Woche 6 – Gehorsam oder Vernunft

Fakten

Vergesst meine Fakten, sie sind genauso langweilig wie letzte Woche 😉. Es gibt deutlich Spannenderes zu beleuchten.


In einem Tweet fand ich folgende spannende Aussage von Leonid Lenzer (Achtung, der Embed-Code von Twitter erlaubt nur den Thread vom Beginn her einzublenden. Ich beziehe mich allerdings auf die Reaktion zum Tweet von Sebastian Kolberg):

Der Leonid: "Deswegen sag ich ja: Ohne Zwang wird nix mit Vernunft."

Den Satz solltest Du Dir auf der Zunge zergehen lassen. Deshalb hier ein paar Leerzeilen ...
















Ich hab keine Ahnung, mit wem du so sprichst. Doch ich hatte diese Woche sehr häufig das Thema Corona-Lockerungen. Da gab es Aufatmen. Ich hörte "Richtig so. Besser noch mehr." Und ich sprach mit einem Kunden, der vor kurzem erst aus dem Krankenhaus kam. Er kann jetzt, fünf Wochen nach Ausbruch, wieder bis zu vier Stunden konzentriert arbeiten. Für einen engagierten geschäftsführenden Gesellschafter ist das weniger als die Hälfte seines normalen Pensums. Er sagte zu mir:

"Gebhard, wir sehen das hier konservativ. Es kann Oktober werden, vielleicht auch erst März 2021. Auf keinen Fall riskieren wir hier eine zweite Welle."

In einem anderen Telefonat schilderte mir ein Vater aus Niedersachsen seine Situation mit dem Sohn in der vierten Klasse:

"... und dann hat der Rektor Sektoren auf dem Schulhof eingerichtet. Mein Sohn durfte sich während der Pause nur in N1 aufhalten. Bei uns in der Region leben 30.000 Menschen und wir haben seit dem Lockdown genau 23 registrierte Fälle. Die Zahl blieb über die ganze Zeit gleich. Dafür gehen jetzt unsere Handwerksbetriebe pleite, weil alle Firmen ihre Investitionen nach 2021 verschieben. Wie passt denn das bitte zusammen?"

Ich gebe ehrlich zu, ich gehöre eher zu den Konservativen, wie mein Kunde oben. Vielleicht auch, weil ich mehr Berichte direkt aus Spanien höre. Und auch ich fragte mich schon letzten Montag: Warum rennen alle sofort in die Fußgängerzone?


Unsplash by Kolar.io

Doch bevor ich vorschnell verurteile, machte ich mich mal auf die Suche, was andere zu sagen haben.


Faktenlage

  • Ein Phänomen, bei dem sich hartnäckig das Gerücht hält, es wäre anders, versteckt sich hinter dem Wort Übersterblichkeit. Nach wie vor höre ich regelmäßig, dass jedes Jahr Leute sterben und wir jetzt eben nur den Fokus auf Corona setzen. Doch das ist völlig übertrieben. Dieser Aussage ist die New York Times nachgegangen. Um zu verdeutlichen, wie falsch sie ist, gibt es dort die folgende Übersicht aus verschiedenen Ländern (mit dem Klick auf die Grafik geht's zur Seite der NYT). Dabei ist die dünne graue Linie der über die letzten Jahrzehnte bekannte Verlauf von Sterberaten über das Jahr. Die rote Kurve zeigt 2020 inklusive Covid-19-Tote. Die Differenz zwischen grau und rot ist die Übersterblichkeit. Also, wieviel Tote mehr (oder weniger) gibt es dieses Jahr im Vergleich zur Normalität. Also bitte, liebe Verharmloser:innen. Stellt euch der Realität. Denn all diese Kurven zeigen den Verlauf zwar unter verspäteten, dennoch allerdings strikten Eindämmungsmaßnahmen. Es gibt nämlich fast keinen freilaufenden Ausbruch von Corona. Die Kurve wollen wir überhaupt nicht sehen. Doch vielleicht kommt das bald denn ...

  • Deutschland verliert seinen Vorsprung. Diese Woche verstand ich erstmals, warum wir überhaupt einen haben. Das erklärt Herr Drosten im folgenden Podcast. Er verweist, darauf, dass die Politik typischerweise auf zwei Kriterien achtet. Erstens die Auslastungsgrenze – die ist gegeben, wenn eine Krankheit unser Gesundheitssystem überfordert = mehr Patienten als Behandlungsmöglichkeiten. Zweitens die Ernsthaftigkeit – sie besteht, wenn etwa Menschen daran sterben = überdurchschnittlich hohe Sterberaten (Übersterblichkeit). In Deutschland ist es so, dass unsere Testlabore gut vernetzt sind. Bereits nach den Meldungen aus China, Anfang Januar, achteten die Uniklinken auf Corona-Infektionen. Seit Ende Januar auch die privaten Labore. So erkannte man bereits Anfang Februar bei zufälligen Tests, dass es Erreger gab, deren Herkunft nicht mehr ermittelbar war. Ab da stieg die Aufmerksamkeit bis zum Lockdown Anfang März. Doch schon Tage vorher wurden Reisende isoliert sowie Messen und einige Großveranstaltungen verschoben. Anders als Italien, Spanien oder Frankreich reagierte man hierzulande also lange vor dem ersten Todesfall. Das ist unser Vorsprung. Denn beim ersten Todesfall hat sich das Virus bereits einen Monat unkontrolliert verbreitet. Das ist in vielen anderen Ländern passiert. Neben dieser vergleichsweise schnellen Reaktion verweist Drosten noch auf unsere transparente Nachrichtenlage.

  • Zwei weitere wichtige Informationen aus dem Interview sind: Die niedrige Reproduktionszahl direkt nach Ostern, aufgrund derer die Lockerungen veranlasst wurden, ist zum Teil auf die verringerte Meldequote durch die Gesundheitsämter über die Feiertage zurückzuführen. Hätte die Politik noch bis Ende Mai an den verschärften Ausgangsbeschränkungen festgehalten, ist sehr wahrscheinlich, dass die Reproduktionszahl auf 0,3 oder weniger gesunken wäre. Damit hätten wir ein Niveau erreicht, von dem aus jeder neue Fall vollständig hätte zurückverfolgt werden können (mit und ohne App). Wir hätten die Situation also wieder nahezu unter Kontrolle gehabt. Doch: "Hätte, hätte Fahrradkette" es kam diese Woche anders.


Meine Gedanken

Ich komme kaum drumherum, doch jetzt geht Deutschland wohl den Neoliberalen dieser Welt auf den Leim. Denn die Auswirkungen dessen, was diese und die nächsten Wochen passiert, sehen wir erst Mitte Mai. Und so wie ich meine Mitbürger:innen beobachte, erleben wir dann steigende Infektionszahlen und Sterberaten. Und vielleicht ist dann aller Gehorsam, den wir bisher an den Tag legten umsonst gewesen.

"Stell dir vor, es ist noch einmal verkaufsoffener Sonntag ohne Maskenpflicht und alle gehen hin!"

An der Aussage sind gleich zwei Aspekte bedenklich:

  1. Alle gehen hin. Wir Menschen sind schon komisch. Letzten Montag eröffnete bei uns in Baden-Württemberg wieder der Einzelhandel. Ich blieb Zuhause, denn ich benötige nichts. Zig andere Menschen gingen in die Fußgängerzonen und Ladenpassagen, weil sie mal wieder raus mussten. Dabei hatten wir hier überhaupt keine Ausgangssperren wie in Spanien, Italien oder Frankreich. Also, alle in die Läden. Einige mit Masken, viele auch ohne. Sehr auffällig war, dass praktisch niemand auf das Wichtigste, völlig Ungelockerte achtete – den Mindestabstand. Egal ob mit oder ohne Maske!

  2. ... es ist noch einmal ... Am Samstag war ich, wie jede Woche, einkaufen. Diesmal war auffällig mehr los. Ich verwickelte mich mit der Gemüsehändlerin an der Ecke in ein Gespräch. Sie hatte nur eine Erklärung: "Ja, ab Montag ist doch Maskenpflicht. Da wollten viele nochmal ohne das Ding ihre Einkäufe besorgen."


Ich sehe ein gefährliches Muster, ganz ähnlich zu dem, was ich auch in vielen Transformationen erlebe. Und das führt uns zurück zu den Tweets zum Einstieg.


Typischerweise findet sich in den Firmen, die bei mir für den Start in eine Transformation anfragen, eine formal-hierarchische Ordnung. Es gibt Menschen mit Weisungsbefugnis und welche ohne. Wir sind das so gewohnt. Mit dieser Unterscheidung kauft sich die Firma – oft übersehen – eine weitere Differenzierung ein. Die fällt besonders bei komplexen Herausforderungen auf. Mit der Weisungshierarchie einher geht die Aufteilung in Menschen, die sich an die Regeln halten. Und solchen, die sich die Regeln ausdenken.


In einfachen, ja sogar komplizierten Situationen, mag das ausreichen. In komplexen kann es – wie bei Corona – tödlich sein.


Hier am Beispiel der Infos aus diesem Blogpost erklärt:

Der Vater aus Niedersachsen lebt in einem mittelstandsgeprägten Landkreis mit 30.000 Einwohnern. Dort gibt es seit Februar dreiundzwanzig Corona-Fälle. Sie sind identifiziert, die Ansteckungskette ist bekannt. Die Zahl ändert sich nicht. Über achtzig Prozent der Familien leben in Einfamilienhäusern mit Garten. Sie haben kein Problem, die Abstandsregeln einzuhalten. Vor dem Metzger und dem Gemüseladen gibt es die lange Schlange auf dem Gehweg vor dem Laden. Er fragt sich: "Warum können wir hier nicht ganz auf die Beschränkungen verzichten? Einfach alle Läden wieder aufmachen." Und er hat ja recht. Anstecken kann man sich ja nur bei Kranken. Und die gibt es, bei dieser Faktenlage, wohl im ganzen Landkreis zur Zeit nicht. Um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen, argumentiert er im Gespräch mit eingeschränkten Freiheitsrechten, Selbstbestimmung usw. genau wie die Trump-Anhänger, über die sich die ganze Welt aufregt.



The protesters by Bruce Plante/Tulsa World/PoliticalCartoons.com

Doch wie sähe die Lösung aus?

  • In einer strikt formal-hierarchischen Welt, bliebe alles im Lockdown, bis die/der letzte Kranke tot oder kuriert ist.

  • In einer aufgeklärt reifen Welt wäre allen 30.000 Menschen klar, dass ihr Zustand nur dann aufrecht zu erhalten ist, wenn sie keine Besuche von außerhalb empfangen und ihren Landkreis auch selbst nicht verlassen. Und das gilt auch für alle Berufspendler etc. Außerdem würden hier alle die Zahlen aufmerksam verfolgen, die auch jede:r versteht. Sobald wieder mehr Fälle aufträten, zögen sich alle in die freiwillige Quarantäne zurück, bis sämtliche Ansteckungswege aufgeklärt sind.


Leider befinden wir uns irgendwo im Sandwich zwischen diesen beiden Polen. Und jetzt kommt die Krux, in diesem Sandwicht kann jede:r jeder:m die Schuld in die Schuhe schieben und dann machen, was er:sie will. Herzlich Willkommen im Kindergarten der freien Meinungsdummheit. Ganz nach dem Motto:

Ich denke, also habe ich Recht

Leider ist ein Virus unfähig, an einer solch intellektuellem Austausch teilzunehmen. Und so macht es das, was es am besten kann. Während wir ohne Mindestabstand über unsere Rechte diskutieren, springt es über, wo es kann und nistet sich erst einmal unbemerkt in einem neuen Wirt ein.


Was Leonid völlig falsch interpretiert, ist, dass aus Zwang irgendwann Vernunft entstehen würde. Es entsteht –wenn überhaupt– Gehorsam. Doch damit ist es so eine Sache. Denn sobald ich die Zügel lockere, kommt es zu einer Überreaktion des Ungehorsams. Und zwar, um den, in der von außen auferlegten Zurückhaltung, aufgestauten Frust, abzubauen.

Ein Weg zur Vernunft, der in meiner Arbeit funktioniert, ist, den Menschen ihren Anteil an den Konsequenzen ihrer Handlungen klar zu machen.


Achtung, jetzt wird es hart ...

In unserer Situation hieße das. Ein schneller Weg zur Vernunft –übrigens auf allen Ebenen– wäre, die Leute tatsächlich drei Wochen völlig frei rumlaufen zu lassen und dann mit den (vermutlich eher amerikanischen als deutschen) Verhältnissen zu konfrontieren. Die Vernunft käme wohl noch zügiger zum Tragen, wenn die strukturell relevanten Menschen eine vier- bis sechswöchige freiwillige Quarantäne wählen würden, weil sie den ach so rechtsbewusst Lockeren unter uns gerne die Freiheit ließen, diese normale Grippeerkrankung Zuhause auszukurieren. Dabei wird es wohl einen Kollateralschaden von mehreren (zehn-)tausend Menschen geben, die bleibende Einschränkungen oder den Tod erleiden. Das ist dann auch der gute Grund, warum wir andere Szenarien suchen sollten, um Verantwortung zu trainieren – vielleicht die Art, wie wir unsere Arbeit/Wirtschaft organisieren?


Ein etwas weniger schmerzvoller Weg wäre es wohl gewesen, den R-Faktor in den nächsten Wochen nochmal deutlich zu senken und dann die Chance zu haben, tatsächlich zu einem relativ normalen Kontakt mit erhöhter Aufmerksamkeit zurückzukehren. Doch das geht bei uns nur mit strikten Vorgaben seitens der Weisungsbefugten.


Ich sehe, wir probieren es irgendwie dazwischen mit ein bisschen fehlinterpretierbarer Freiheit. Da wir das mit gehorsamen und keineswegs vernünftigen Menschen tun, gehen die Zahlen Mitte Mai vermutlich wieder hoch und wir machen einen erneuten Lockdown. Wie ich darauf komme? Nun ja, viele glauben, mit den Masken könnten wir lockerer mit der Distanz umgehen. Ich glaube, das ist ein Trugschluss, denn wir benutzen die Masken völlig falsch. Hier zum Vergleich das korrekte Anlegen einer Maske, die andere und mich schützt, in Bildern (für eine größere Ansicht, auf das Image klicken):


Ich hab noch niemanden gesehen, der sterile Handschuhe benutzt, um sich die Maske aufzusetzen. Stattdessen sehe ich Masken, die:

  • nur den Mund bedecken.

  • unter dem Kinn hängen.

  • ständig zurecht gerückt werden.

  • ...

All diese Masken machen keinerlei Unterschied mehr, wie das BfArM hier erklärt. Sie sind bestenfalls ein Symbol, auf den Abstand zu achten. Leider sehe ich das genaue Gegenteil. Sie geben ihren Träger:innen die Freiheit, den Mindestabstand wieder zu unterschreiten.


Doch wie wird der Lockdown, nachdem wir erkennen, dass gehorsame Menschen erwartbar unvernünftig sind – sogar die Intelligenten. Vielleicht diesmal wie in Italien oder Spanien. Wie lang das unsere Wirtschaft aushält, ist mir schleierhaft. Ich schaffe es, wenn wir uns hier im Haushalt am Riemen reißen, bis in den späten Herbst. Also einen Lockdown bekomme ich noch hin. Doch dann wird es nach Stand der Dinge unangenehm. Natürlich arbeite ich daran, diese Risiken zu minimieren und neue Wege für Einkommen zu öffnen. Mir geht es ja wie jedem:r da draußen. Ich halte mich ja für vernünftig.


Und das ist genau der Punkt:

Wir sind zwar alle zur Vernunft fähig. Doch leider entscheiden sich viel zu viele regelmäßig dafür, lieber Schwarzer Peter zu spielen.

Wer allerdings jahrelang im Gehorsam verwöhnt wurde, tut sich eben schwer, plötzlich die Verantwortung für sein (erlaubtes) Handeln zu übernehmen. Deshalb nochmal:

Einige sehen komisch aus. Sie reden manchmal unverständlich. Doch die Optimisten unter Ihnen wissen schon lagen, dass zu viele vermeiden, Dinge wirklich verstehen zu wollen. Sie geben uns dennoch nicht auf, auch dann nicht, wenn wir offensichtlich vorziehen, unvernünftig zu sein.


Auch ich bin ein Optimist. Ich weiß, wir können sinnvoll handeln, wenn wir verstehen warum und es wollen. Bei vielen braucht es dafür nach wie vor ein radikales Umdenken und viel Training. Ich arbeite daran 😉.


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht …


Hier geht's zu den vorherigen Tagebucheinträgen:

Woche 5

Woche 4

Woche 3

Woche 2

Woche 1


Gebhard Borck


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