Corona-Tagebuch Woche 7 – Disziplinlosigkeit

Meine Woche begann mit einem wunderbaren Interview im Deutschlandradio. Tobias Armbrüster spricht mit Hildegard Müller, der Vorständin des VDA. Der Moderator hakt hartnäckig zu Themen nach, die auch mir irgendwie schleierhaft sind. Ich war so angetan von der Gesprächsführung durch Herrn Armbrüster, dass ich selbst dazu getwittert habe:




Das ganze Interview gibt es hier:

Einen Part des Gesprächs will ich für diese Woche in meinem Tagebucheintrag aufgreifen. Es ist die Frage, warum jetzt mit staatlichen Kaufprämien für Neuwägen der Aktienkurs der Automobilkonzerne zu stützen ist.


In eine ähnliche Richtung geht die zweite Geschichte, die mir diese Woche begegnete. Hier geht es um Arbeitsplatzbedingungen im Umgang mit Corona. Seit dieser Woche ist ja alles wieder lockerer. So zumindest die durchgängige Botschaft der Politiker. Ganz konkret möchte ich das mal am Beispiel des Friseurbesuchs durchspielen. Da gibt es einen Arbeitsschutzstandard für das Friseurhandwerk. Der ist ab 04. Mai bindend. Lies gerne das Dokument durch. Ich greif mal ein paar Punkte heraus:

  • Im Salon muss immer der Abstand zwischen den Kunden eingehalten werden.

  • Für zwei Kunden dürfen dieselben Utensilien (Scheren, Kämme, Rasierapparate, Schürzen, Pinsel, Fön etc.) nur dann genutzt werden, wenn der Friseur sie zwischendurch gründlich reinigt.

  • Alle Kunden müssen sich vorher telefonisch oder digital anmelden. Es darf zu keinen Wartezeiten kommen.

  • Im Salon dürfen sich kontrolliert nur die Personen aufhalten, die den Abstand einhalten können.

  • Für die Friseure gilt Masken-, Handschuh- etc. -pflicht.

  • Jede:r Kund:in muss mit Adressdaten erfasst werden.

  • ...


Beide Geschichten (Auto & Haare schneiden) zeigen Facetten, die aufzeigen, ob und wie wir zu einer wirtschaftlichen Normalität zurückkehren wollen/können.


Mitte der Woche meldete sich dann Lothar Wieler vom Robert Koch Institut zu Wort. Er reagierte auf die sich häufenden Berichte von Menschen, die das Virus inzwischen eher auf die leichte Schulter nehmen. Frei nach dem Motto: "Wir sind jetzt durch und wenn nicht, wird mir schon nichts passieren." @MdBdesGrauens twitterte den Ausschnitt des Interviews:

So wie ich Herrn Wieler verstehe, warnt er uns, ebenso wie letzte Woche Herr Drosten, davor, unaufmerksam den Ast der Sicherheit abzusägen, auf dem wir sitzen.

Das ist der Blick der Wissenschaft auf das Thema.


Schließlich las ich im langen Wochenende den Blogbeitrag "Ein Puzzle ohne Vorlage" von Dagmar Woyde-Koehler. Sie blickt auf die soziale und psychologische Ebene unseres Ausnahmezustands. Und sie fordert eine Eigenschaft, die gerade im Fahren auf Sicht sehr wichtig ist und in unserer Gesellschaft doch eher als vergessen angesehen werden kann: Selbstbeherrschung.


Zuletzt suchen zunehmend warnende Stimmen aus einer weiteren Fraktion die Aufmerksamkeit. Sie weisen darauf hin, dass die Krise auf jeden Fall für eine Sache genutzt werden sollte: Klimaschutz!


Meine Bekannten

Je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr gewinne ich den Eindruck, wir machen einen kapitalen Denkfehler. Diese Woche sprach ich mit jemandem aus dem Gesundheitssektor. Sie ist eher skeptisch, was unsere kollektive Fähigkeit zur Selbstbeherrschung angeht. Augenblicklich arbeitet sie weder in der Pflege noch in einer anderen Gesundheitseinrichtung. Allerdings ist sie dafür ausgebildet. Sie erklärte mir ihre Sicht der Dinge so:

So wie ich das mitbekomme, haben die Menschen nach wie vor nicht verstanden, worum es geht. Die Firmen wollen so weitermachen wie vor der Krise. Kaum ein Büro, in dem Sicherheitsabstände eingehalten werden. Die Leute auf der Straße haben ihren Mundschutz am Kinn hängen oder auf der Stirn. Und sie fassen sie ständig an. Auch hier kein erkennbarer Mindestabstand mehr. Und wenn die dann in drei Wochen im Krankenhaus liegen, werde ich zwangsrekrutiert, um sie zu pflegen. Danke, aber nein Danke. Ich gefährde doch nicht mich und meine Familie für Dummköpfe, die es nicht besser wissen wollten!

Ich verstehe sie sehr gut. Doch ihr steht eine ebenso gut verständliche Argumentation des geschäftsführenden Gesellschafter eines Mittelständlers gegenüber, den ich kenne:

Weißt Du Gebhard, ich vertraue meinen Leuten! Das vierte Quartal 2019 lief bei uns eher schlecht. Damit alle ruhig bleiben konnten, hab ich die Kreditlinie der Firma erhöht. Das ging nur, indem ich eine Privatbürgschaft über eine halbe Million gegeben habe. Jetzt in der Corona-Krise bekommen wir keine Hilfen vom Staat, weil wir ein wenig angeschlagen waren und wenn die Firma deshalb insolvent geht, kann ich meine private gleich mit anmelden. Ich will jetzt weiter arbeiten, denn die Alternative ist für mich undenkbar.

Schlussendlich traf ich eine Nachbarin mit Sicherheitsabstand auf dem Hof. Sie erklärte mir schmunzelnd.

Wir flippen hier aus, wenn wir nicht raus kommen. Ich achte ja darauf, dass sich meine Kids nur mit anderen treffen, die auch schon vier Wochen Zuhause sind. Aber die würden sich umbringen, wenn ich sie dazu verdonnere Zuhause zu bleiben. Und wenn die es nicht machen, dann ich!

Meine Gedanken

Ich verstehe alle drei. Und doch kann ich nur der Frau aus dem Gesundheitsbereich folgen. Die beiden anderen stecken für mich nach wie vor in der Verleugnung fest. 

Wie komme ich darauf? Im Buch Der schwarze Schwan teilt Nassim Nicholas Taleb unser Leben in zwei Staaten auf, Mediokristan und Extremistan. In Mediokristan findet das Leben unter der engen Varianz der Gaus’schen Normalverteilung statt. Sprich, im Schutz des schmalen Dachs irgendwelcher Mittelwerte. Da können die deutschen Jungs erwarten, 78,5 Jahre alt zu werden sowie 1,8 Meter hoch und die Mädchen 83,3 Jahre sowie 1,66 Meter. In Mediokristan sind Entwicklungen jedweder Färbung eher linear. Da lässt sich die Zukunft aus der Vergangenheit vorhersagen. So etwa, wie die deutsche Wirtschaft bis Februar 2020 davon ausging, dass es dieses Jahr wieder ein moderates Wachstum mit leicht eingetrübten Entwicklungsaussichten gibt.

 

Ganz anders in Extremistan. Dort entfalten, in Mediokristan fast unvorhersehbare, Ereignisse, eine enorme Wirkung. Das kann sich sowohl positiv wie negativ auswirken. So wie etwa Italien als erstes europäisches Land am 10. März dieses Jahres den Lockdown für das komplette Land anordnete, der bis Mitte April im Shutdown praktisch ganz Europas endete. Mit allen dadurch entstehenden, extremen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen.


Taleb erklärt in seinem Buch ausführlich anhand von Wissenschaft und Mathematik, wie man sich in einer Welt, in der es die beiden Staaten gibt, sinnvoll verhält. So lebt man sein Leben zu achtzig bis neunzig Prozent risikoarm in Mediokristan. Die verbleibenden zehn bis zwanzig Prozent reitet man die schwarzen Schwäne in Extremistan. 0, in Worten Null, Prozent seiner Zeit vergeudet man auf das Grenzland zwischen den beiden Staaten. Hier dazu eine Grafik, die ich auch auf der Perspektivreise verwende.

Außer der Tatsache, dass die Corona-Pandemie für uns offensichtlich ein schwarzer Schwan ist, was bedeutet das für unser Verhalten?

Mein Verständnis hat etwas mit den Eigenschaften der Viruserkrankung zu tun. Da gibt es:

Bei der Corona-Pandemie sind die Vorbedingungen für ein Mediokristan, wie wir es kannten, klar: Impfung und wirksame Medikamente zur Linderung des Verlaufs. Die Verhaltensbedingungen für Extremistan stehen in der Tabelle in Zeile Drei. Inzwischen kennen wir auch ein paar zusätzliche Faktoren, die in Extremistan wieder ein Mediokristan ermöglichen könnten:

  • Einfache und schnelle Nachverfolgbarkeit der Ansteckungsketten (Corona-App).

  • Übersicht, über die Durchseuchung (flächendeckende Erkrankungstests und/oder Corona Immunitätsnachweis?).

  • Dauerhaft hohe Kapazitäten für Behandlungsmöglichkeiten.

Leider sehe ich bei meinen regelmäßigen Einkaufstouren, dass die Maskenpflicht eher zum genauen Gegenteil beiträgt. Denn die Masken werden schlicht falsch benutzt. Allerdings nimmt die Achtsamkeit auf die Distanz deutlich ab, sobald jemand eine Maske in die Nähe seiner Mund-Nasen-Region bringt. Was tun wir also? Ich denke, nach wie vor wollen viele Menschen zurück in ihr Mediokristan vor dem Virus. Deshalb übersehen sie, wo sie die Grenzen des aktuell gültigen Extremistan hinein in den gefährlichen Zwischenbereich überschreiten.

Doch was passiert da? Warum soll das gefährlich sein? Hier geht es wieder um das Verstehen von Komplexität. In den vergangenen Wochen lernten wir, uns in Extremistan sinnvoll zu verhalten. Das Ergebnis sind sinkende Zahlen. Sowohl der Reproduktionsfaktor, wie die Ansteckungsquote und die Sterberate sind gesunken. Also, wenn wir die Restaurants, Hotels und Schulen schließen. Wenn wir öffentliche Versammlungen vermeiden. Wenn wir einen Großteil der Produktion drosseln. Wenn wir nur noch Lebensmittel und andere wichtige Güter des täglichen Bedarfs einkaufen. Wenn wir private Treffen auf ein absolutes Minimum reduzieren. Dann bekommen wir die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle. Das machen wir, um Leben zu retten.

Jetzt lockern wir Maßnahmen. Allein das wäre noch gar kein Grund zur Sorge. Doch leider lockern alle irgendwie ander(e)s. Und leider so, dass sie es im Zusammenhang mit der Virusausbreitung weder sauber als Versuch definieren noch ordentlich messen. Den Zusammenhang hab ich schon im ersten Tagebucheintrag ausführlich erläutert. So erhöhen wir die Varietät der Situation. Was das bedeutet erklärt Mark Lambertz in diesem Vortrag auf der LATC 2017:


Die Schwierigkeit damit ist, wenn wir die Kontrolle über die Situation verlieren, dann macht der Virus das, was er am besten kann: er vermehrt sich.


Und wir haben nur eine Reaktionsoption. Zurück in die Situation, die wir unter Kontrolle hatten. Sprich, es gibt eine zweite Welle und einen zweiten, vermutlich deutlich konsequenteren Lockdown. Die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen will schlicht keiner sehen, der sich jetzt darauf freut, dass er Ende Mai zumindest wieder in einem Biergarten sitzen darf.


Und jetzt kommen wir zum, wie ich finde, grundlegenden Denkfehler. Augenblicklich spielen verschiedene Interessenvertreter die vier oben beschriebenen Systeme gegeneinander aus. Wir müssen die Maßnahmen bei den Firmen lockern, um wieder Wirtschaften zu ermöglichen. Wir müssen die Schulen öffnen, um den sozialen Zusammenhalt unserer Kinder wieder zu ermöglichen. Wir brauchen Kaufprämien für den Neuwagenkauf, damit die umweltfreundlicheren modernen Verbrenner einen Beitrag zum Pariser Umweltschutzabkommen leisten können. Da steht die Gesundheit gegen die Wirtschaft. Der “Regelungswahn” der Politik steht gegen die Freiheit der Bürger. Der Schutz von Risikogruppen steht gegen Vereinsamung. Alle Vertreter erwecken den Eindruck, dass hier Systeme konkurrieren. Das beschworene Dilemma ist sind Fragen wie:


  • Was ist wichtiger, eine geschmiert laufende Wirtschaft oder der Schutz von Risikogruppen?

  • Die Freiheit aller oder das Leben einzelner?


Ich finde, wir sollten die Systeme keineswegs gegeneinander ausspielen. Ja noch nicht einmal getrennt betrachten. Genau das ist der aktuelle Kapitalfehler. Wie wäre es, wenn wir jetzt ein Wirtschaftssystem aufbauen, in dem Menschen ganz normal bei räumlicher Distanz sozial interagieren? In dem wir damit Geld verdienen, den Planeten wieder aufzuräumen, anstatt schnellstmöglich zu seiner Überkonsumption zurückkehren zu wollen?


Warum verbringen wir so viel Zeit damit in einen Zustand zurückzukehren, der nachgewiesenermaßen schlecht für unser Zusammenleben mit dem Planeten war? Warum verbringen wir so wenig Zeit damit, neue Märkte, neue Produkte, neue Leistungen, neue Lebensentwürfe zu entwickeln, für die Corona nur das halbe oder vielleicht sogar gar kein Problem darstellt.


Ich bin einigermaßen hoffnungsarm gespannt und bereite mich schon mal auf den zweiten Lockdown vor.


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht ...


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Gebhard Borck

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