Offener Brief an einen Leuchtturm

Conny Dethloff fragt auf LinkedIn warum die von augenscheinlich vielen Menschen geteilten Ideen, die sich unter dem New-Work-Baldachin vereinen so wenig umgesetzt werden.


Dazu verlinkt ist ein gewohnt gut geschriebener Blogartikel auf seiner Reise des Verstehens. Ich will ihm hier einen offenen Brief schreiben. Der trotz seiner ernst gemeinten Inhalte doch auch mit einem Augenzwinkern verstanden werden darf. Zumindest hoffe ich, dass Conny selbst schnell darüber hinwegkommt, wie ich ihn hier als Sinnbild ausnutze. Er steht hier als Proxy, denn er stellt sich genau wie ich in die Öffentlichkeit und wird so angreifbar. Ich kenne dich als Mensch mit Humor und bitte dich schon mal vorab um Entschuldigung, sollte für dich der Brief unter die Gürtellinie gehen ...


Lieber Conny,

Du fragst dich, warum New Work nicht zum fliegen kommt. Und was du dafür tun kannst, dass es doch noch klappt. Nun, die schonungslose Wahrheit ist, du selbst bist der Bremsklotz. Und weil du dich schon so lange und so öffentlich dazu positionierst, nutze ich die Gelegenheit, diese Zeilen direkt an dich zu wenden.


In deinem Blogartikel beziehst du dich auf Frithjof Bergmann, den Erfinder des Begriffs New Work. Er spricht bis heute von der Überwindung der Knechtschaft der Lohnarbeit. Damit meint er dich, Conny, denn du bist ein abhängiger Beschäftigter der Otto Group. In deinem Post erwähnst du auch sechs Thesen, die du gut findest. Zusammengefasst sagen sie sowas wie: Menschen sollen ihre Arbeit gerne machen, sich durch sie entwickeln, in ihr einen Sinn sehen und durch sie wertgeschätzt sein. Das deinen Kids das Verständnis fehlt, warum man über solche Inhalte überhaupt reden muss, kann ich gut verstehen, denn hier machst du schon den ersten gravierenden Fehler. Der tiefste Sinn von Arbeit ist, dass sie deine Existenz sichert. Alles andere kommt danach. Und hier sind wir schon beim ersten Grund, warum New Work es so schwer hat, abzuheben.


unsplash Manuel Boxler

Wie dein wertvollster Beitrag kein Entgelt bekommt

Kaum einem Menschen ist klar, dass seine Arbeit stets auf zwei Arten wirkt – akut und chronisch. Doch dieser Unterschied ist wichtig, Conny, denn der Gegenwert ist ungleich verteilt. Abhängig beschäftigte Menschen wie du, werden nur für ihren akuten Beitrag bezahlt. Dein Gehalt bezieht sich de facto rein auf die Arbeitszeit, die du heute für deinen Arbeitgeber erbringst. Natürlich kannst du, weil du klug bist, ein wenig feilschen. So ergatterst du dir ein paar Brotkrumen aus der chronischen Wirkung deiner Arbeit. Doch in deinem Anstellungsvertrag steht, dass alles, was du im Rahmen einer Tätigkeit für Otto erdenkst, entwickelst, umsetzt usw., Eigentum der Firma ist. Leider ist das gelogen. Zur Firma gehörst du ja auch. Tatsächlich sind allerdings die erstberechtigten Nutznießer des chronischen Erfolgs deiner Arbeit die Eigentümer. Das führt uns zum zweiten Grund, warum New Work am Boden bleibt:


Die Dummheit im Wohlstand

Wir beide wissen, dass Wohlstand unsäglich schwer zu fassen ist. Doch ich glaube, irgendwie hängt der Begriff mit Vermögen zusammen. Zum einen natürlich mit so etwas wie der Fähigkeit zu denken, zu dem für deine Frage wichtigeren Teil allerdings, mit ganz profanem materiellen Eigentum. Auch hier gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die Dinge zu verstehen. Mir gefällt eine Einteilung, die Kate Raworth, eine Volkswirtin aus Großbritannien, macht. Sie unterscheidet zwischen Lohn-, Gutsherren- und intellektuellem (Intellectual Properties) Vermögen. Über die Jahrhunderte lässt sich nachweisen, dass Lohnvermögen so flüchtig ist, wie Tau in der sommerlichen Morgensonne. Gutsherrenvermögen weicht in seinem Verhalten davon klar ab. Zum einen kann es vererbt werden. Zum anderen neigt es dazu, wenn sich seine Eigentümer nicht völlig doof benehmen, über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte stets zu wachsen. Und je mehr man davon hat, umso sicherer bleibt es einem treu. Die Gutsherren haben hier mit einem ziemlich klar geregelten Eigentumsrecht weltweit für nachhaltige Stabilität gesorgt. Das machten sie so geschickt, dass am Ende sogar der schwäbische Häuslebauer ihre Rechte für sie verteidigt. Dieses Ungleichgewicht könnte tatsächlich vom Verstandsvermögen (Intellectual Property) durcheinander gebracht werden. Doch wie oben schon aufgezeigt, gehört der Ertrag deiner Gedanken ja den Gutsherren deiner Firma.

Uns beiden ist klar, dass die wenigsten Paketboten von Hermes diese Zusammenhänge kennen. Vielleicht verstehen sie sie noch nicht einmal, wenn wir sie ihnen erklären. Doch intuitiv, instinktiv, emotional und sobald sie am Monatsende ihr Leben mit dem eines der Eigentümer der Otto Group vergleichen, wissen sie, dass da irgendwas schief läuft. Und jetzt kommts. Genau dann fehlt ihnen jeder sinnvolle Grund, bei den ganzen inkonsequenten New Work Spielchen mitzuspielen.

Also, es bräuchte mindestens eine Änderung am Nutznießen des chronischen Arbeitsertrags. Außerdem könnte eine Veränderung des Eigentumsrechts helfen. Denn ohne Neuigkeiten an diesen Fronten, haben weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer – übrigens begrifflich eine pervers witzige Verdrehung der Tatsachen – viele Gründe, Wind in den Segeln der New Work zu sein. Es bleibt beim oberflächlichen Theater. Doch das führt schon zum nächsten Problem.

Politische Forderungen

Wer erwartet ernsthaft, dass die Politik mit einem bedingungslosen Grundeinkommen etwas an der Situation ändert? Warum sollten sie? Lohnvermögende haben selten die Zeit, sich mit Politikern zu einem Kaffee zu verabreden. Das sieht bei Gutsherren ganz anders aus. Die haben übrigens auch regelmäßig die nettere Location und den besseren Caterer. Versteh mich richtig, Conny, ich befürworte ein BGE. Es würde das Recht des Lohnarbeiters stärken, NEIN sagen zu können. Das täte unserer Gesellschaft sehr gut. Allerdings glaube ich eher daran, dass wir New Work doch zum Abheben bringen, als dass irgendeine Partei ernsthaft ein sinnvolles BGE an den Start bringt. Dafür wären Änderungen am Eigentumsrecht nötig, die auf den Kaffeenachmittagen der Gutsherren keine Wertschätzung finden. Doch der Fisch stinkt ja bekanntlich vom Kopf her. Also lass uns schauen, wer hier versagt. Soweit ich die Demokratie verstehe, ist das Volk der Souverän. Sprich du, ich und die anderen achtzig Millionen Deutschen. Wir haben zugelassen, dass sich die Politiker, unsere Angestellten, von uns unabhängig gemacht haben. Ja noch mehr. Sie setzten sich selbst, uns gegenüber, ein Weisungsrecht in die Stellenbeschreibung. Wir nennen das Legislative. Sie machen Gesetze (Weisungen), an die wir uns halten müssen. Danach dürfen dann die Gutsherren zuerst über den chronischen Ertrag der Arbeit verfügen, bevor sie dir, dem Angestellten, was abgeben müssen. So sehr ich diese Entwicklung hin und wieder bedauere. So wenig Chancen räume ich da der New Work ein, abzuheben.


Was also bleibt? Du, lieber Conny, du bleibst.

  1. Kündige deine abhängige Beschäftigung.

  2. Mit der gewonnenen Zeit bringst du andere dazu, es dir gleich zu tun.

  3. Dabei hilft dir deine Fähigkeit komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und sie uns so zu erklären, dass wir sie verstehen können.

  4. Gründe mit deinen Mitstreiter:innen eine neue (Sub)Ökonomie.

  5. Achtet darauf, dass darin die Vermögensarten (fair) verteilt bleiben.

  6. Arbeitet nur sinnvoll, cradle to cradle und nachhaltig.

  7. Konsumiert nie mehr Welt, als ihr verbraucht.

  8. Und schon fliegt New Work

Ach ja, all die Widerstände und Gegenargumente, die dir einfallen, warum dieser Vorschlag von mir am Ziel vorbei geht, sind die Gründe, aus denen New Work vor sich hin dümpelt.


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht ...

Gebhard Borck


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