Schlaueres Risikomanagement für den Mittelstand: Wetten statt planen



Risikomanagement ist schon lange auch im Mittelstand Thema, nicht erst seit Corona: Vor jedem neuen Projekt gilt es abzuwägen, welche Risiken mit welchem Vorgehen verbunden sind. Und weil die Projekte immer komplexer werden, geht die Aufgabe oft an spezielle Experten oder man gründet dafür sogar eine eigene Abteilung. Aber: Das halte ich gerade bei „riskanten Projekten“, also bei denen es um Neues, um Veränderung geht, für vollkommen kontraproduktiv und zwar aus drei Gründen.

Drei Gründe contra klassisches Risikomanagement im Mittelstand

Erstens: Ist ganz offiziell ein Experte oder eine Abteilung für die Risikobewertung zuständig, hören alle anderen Mitarbeiter sukzessive auf, über Risiken nachzudenken. Sie haben bei der Einschätzung nichts zu sagen, also müssen sie sich auch nicht damit befassen. Sie wollen kein Gefühl für die Risiken mehr entwickeln und können so im Verlauf des Projektes nur unter großen Anstrengungen risikobewusst handeln.


Der zweite Grund ist, dass Projekte heute immer häufiger so komplex sind, dass kein noch so gewiefter Experte oder auch ein Team eine umfassende, verlässliche Bewertung geben kann. Dennoch wird er, seiner Aufgabe gemäß, genau das tun und eine Aussage treffen.

Von dieser Aussage möchte er natürlich anschließend auch die Mitarbeiter überzeugen, denn sie sind diejenigen, die das Projekt entsprechend umsetzen sollen.


Und das ist der dritte Grund, woran dieses Vorgehen krankt: Meiner Erfahrung nach gelingt dieses Überzeugen eher schlecht als recht. Die Mitarbeiter stehen nicht hinter einer Entscheidung, zu der sie nichts beitragen durften. Bestenfalls machen sie gedankenlos mit.

Deshalb schlage ich Ihnen eine andere Methode vor: Lassen Sie Ihre Mitarbeiter wetten!

Eröffnen Sie ein Wettbüro!

Ich meine das wortwörtlich: Wenn Sie ein neues Projekt angehen, holen Sie alle Mitarbeiter zusammen, die damit betraut sind. Rechnen Sie vorher deren Gehälter und auch auch die übrigen Aufwände für deren Arbeit zusammen. Da addieren sich auch im Mittelstand schnell einige Hunderttausend oder gar Millionen auf. Besorgen Sie sich diese Summe in Spielgeld und verteilen sie die Scheine unter allen Beteiligten.

Lassen Sie dann die Mitarbeiter die verschiedenen, möglichen Varianten formulieren. Also zum Beispiel: 1. Wir kaufen eine Software speziell für das Projekt. 2. Wir stellen unsere Prozesse und Strukturen dafür um. 3. Wir schicken alle Beteiligten auf eine entsprechende Weiterbildung. 4. Wir kombinieren 1–3 .

Machen Sie für alle noch einmal klar, wohin das Projekt Sie alle führen soll. Und dann fordern Sie jeden Einzelnen auf, sein Geld auf die Variante zu setzen, bei der er glaubt, dass seine Einlage mit Zinsen wieder zurückkommt. Wichtig: Jeder überlegt für sich!

Was Sie dabei Spannendes beobachten können, erzählt mein Kollege Christian Botta, der das Verfahren in der Projektmanagementausbildung bei einem mittelständischen Möbelhersteller einbindet.


Christian:


Herausforderung:
Team im Rahmen eines PM-Trainings für das Thema Risikomanagement zu sensibilisieren (wie bekomme ich das Thema Risikomanagement in die Köpfe?). Nicht die “klassischen PM-Tools” wie Risikomatrix bzw. Risikoregister verwenden.
Rahmenbedingungen:
2 Trainingsgruppen á jeweils 10-12 Personen. Zeitrahmen ca. 1 Stunde pro Gruppe.
Vorbereitung:
Gespräch mit Gebhard. Spielgeld (ich habe einfach Monopoly Geld genommen – das tut es, wobei Spielgeld natürlich besser wäre).
Durchführung:
Ich habe je nach Gruppenzusammenstellung (je Gruppe 3-4 Personen) 2 Varianten gewählt:
Variante 1: Gruppe kennt sich sehr gut und arbeitet an einem Projekt, wo das Ziel klar ist, der Lösungsweg allerdings nicht.
In diesem Fall habe ich dem Team 15 Minuten gegeben, die verschiedenen Lösungswege auf einem Flipchart-Papier zu skizzieren. In der Zwischenzeit habe ich jedem der Teilnehmer ca. 50.000 Geldeinheiten gegeben. Nachdem die Wege aufgezeichnet waren, sollte jeder Teilnehmer überlegen, wie viel seiner 50.000 er auf welche Alternative setzt. Sein Ziel: Er ist Investor und will natürlich möglichst schnell das bestmögliche aus seinem Geld machen. Jeder konnte auf eine der Alternativen setzen oder sein Geld splitten. Wichtig war, dass nachvollziehbar blieb, wer auf was gesetzt hatte. Anschließend wurde in der Gruppe diskutiert, warum wer in welchen Weg investiert hatte. Die Gründe wurden auf dem Flipchart neben den Wegen festgehalten (sowohl die Pros als auch die Contras).
Variante 2: Wenn die Gruppen sich nicht so gut kannten, habe ich mich dafür entschieden, dass jeder sein aktuell wichtigstes Projekt vorstellt.
Hierfür hatte die Gruppe 20 Minuten Zeit, die Eckdaten der Projekte wurden ebenfalls auf einem Flipchart festgehalten. Anschließend durften auch hier die Teilnehmer ihre 50.000 setzen. Auch hier mit dem Ziel möglichst hohen Profit zu generieren. Die Entscheidungsgrundlagen eines jeden einzelnen wurden ebenfalls auf dem Flipchart dokumentiert.
Beobachtungen (von mir):
Die „Standardrisiken”, wie Personalmangel, Krankheit etc., traten in den Hintergrund. Es wurden andere Chancen und Risiken gefunden. Geld zu setzen war eine Hürde, die nicht leichtfertig genommen wurde. Vielen fiel die Entscheidung nicht leicht. Risikomanagement wurde implizit gemacht. Es wurde mehr zugehört und Argumente besser ausgetauscht, da jeder sein Geld setzte und es auch begründete.
Stimmen der Teilnehmer:
„Man geht ganz anderes heran.” „Man denkt anders über Projekte.” „Ich musste mehr nachfragen – erst als es für mich klar war, konnte ich auch mein Geld setzen”. „Wir haben über wirkliche Inhalte gesprochen” „Man sieht die unterschiedlichen Charaktere, Zocker vs. Risikobewusste”

Mehr als Spielgeld

Auch ich habe dieses Verfahren schon mehrfach angewandt. Bei mir bestätigen sich die Beobachtungen von Christian. Geld macht egoistisch, sogar wenn es nur Spielgeld ist: Jeder wird versuchen, das Beste aus „seinem“ Einsatz herauszuholen. Das triggert nicht nur seinen Kopf, sondern auch sein Herz und seinen Bauch. Alles, was er an Wissen, an Erfahrung, an innerer Haltung rund um das Projekt hat, wird er zur Risikoermittlung einsetzen.

Damit aktivieren Sie nicht nur die „Intelligenz der Masse“, weil jeder für sich seine Perspektive entwickelt und einbringt. Keiner wird von vorne herein von den „Leithammeln“ in eine Richtung gedrängt. Was Ihnen darüber hinaus gelingt: Sie aktivieren und fokussieren Ihre Mitarbeiter: Sie lenken deren Blick auf die wirtschaftlichen Belange, Sie klären sie im positiven Sinne über die Risiken auf und Sie sorgen für Identifikation mit dem Projekt.

Probieren Sie es aus! Was hält Sie zurück?

Zwei Einwände, die ich sehr oft zu hören bekommen, wenn ich diese Methode vorstelle, will ich hier gleich noch entkräften.

Ver-Zockt?

Dieser Punkt klingt im letzten Teilnehmerkommentar schon an. Doch oft kommt er im Vorfeld als Bedenken: „Wie bitte? Wir sollen unsere Mitarbeiter zu Zockern machen? Wetten führt doch nur zum hochspekulativen Handeln!“

Wie auch die Reaktion des Teilnehmers bei Christian zeigt. Nein, das tut es nicht. Klar gibt es auch unter Ihren Mitarbeitern „Zocker“. Sie stellen jedoch sowohl in der Gesellschaft als auch in Ihrer Belegschaft nur einen Teil der Gesamtheit dar. Ihnen gegenüber stehen garantiert auch etliche risikoaverse Menschen. Das heißt, Sie haben eine gute Mischung und die besten Chancen, sehr verschiedene Ansichten in die Bewertung einfließen zu lassen.

Außerdem können in diesem „Spiel" – anders als auf der Rennbahn oder am Glücksspielautomaten – alle Beteiligten aktiv zu ihrem „Wetterfolg“ beitragen und werden das auch tun.

Ver-Spielt?

„Diese Spielerei kostet uns doch jede Menge Zeit.“

Auch da widerspreche ich: Sie brauchen nicht mehr Zeit, als wenn Sie ein Risikomanagement-Team gründen und daran setzen. Sie sparen sich sogar deren Zeit ein, die Sie dann für wirtschaftlich produktive Aufgaben einsetzen können.

Das Einzige, was Sie für diese Methode brauchen, ist soziale Stabilität, damit sich Ihre Mitarbeiter auf die Wette auch einlassen. Aber dann zahlt sich auch für den Mittelstand Risikomanagement via Wetten statt planen allemal aus.

Wenn Sie tiefer in dieses spannende Thema einsteigen wollen, empfehle ich Ihnen mein Buch „Wetten statt planen“.

Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht …

Gebhard Borck


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