Corona-Tagebuch Woche 1 – Wer Schlichtheit trainiert erhält Dummheit in Komplexität

Aus gegebenem Anlass hier ein paar Fakten aus meinem Arbeiten, Links rund um das Thema und meinen Gedanken dazu ...



Foto Jasmin Sessler – Unsplash

Fakten:

  • Umsatzrückgang seit 12.03.2020 = 75%

  • Arbeitstage ohne fixe Termine aktuell = 35

  • Offene Buchprojekte = 1

  • Mock-Ups für Softwareprojekte begonnen = 1 | offen = 1

  • Reichweite Toilettenpapier bei üblichem Verbrauch = 4 Wochen


Links rund um das Thema:

  • Coronavirus: Why You Must Act Now Tomas Pueyo erläutert im Artikel verschiedene statistische Zusammenhänge zum Virus. Er selbst ist kein Arzt. Doch seine Erklärungen sind gut verständlich im Zusammenhang mit der Thematik. Sein Artikel wurde auch bereits in viele Sprachen übersetzt. Außerdem aktualisiert er ihn regelmäßig. Durch ihn suchte ich nach einer Ansicht der reinen Sterberate. Da sie mehr über die tatsächliche Verbreitung verrät als die Anzahl der Infizierten. Hier wurde ich fündig ...

  • Die Verbreitung des Coronavirus Für die Statistik der Gestorbenen gibt es (noch) keine Entwicklungsdaten. Die sind bisher nur bei den Infizierten angezeigt. Aus den Zahlen ergeben sich dann Fragen hinsichtlich der richtigen Verhaltens-Strategie für uns Menschen. Hier fand ich zwei weitere für mich interessante Statements:

  • Auf LinkedIn schickte mir Maike Schäbitz den Link zu einem offenen Brief von Ellis Huber. Er schildert medizinisch recht nüchtern die Zusammenhänge und was wir erreichen können

  • Etwas alarmistischer ist da eine weitere Stellungnahme auf Medium von André Miede: “Die Kurve abflachen” reicht nicht, wir müssen mehr tun und sie aufhalten." Er verweist auf den Umstand, dass eine erfolgreiche Abflachung die Krise auf ca. 15 Jahre verteilt. Glücklicherweise sagt er auch, dass dies nur gilt, wenn die Behandlungszeit bei vier Wochen bleibt und wir keine wirksamen Medikamente / Impfstoffe finden.


Folgende Punkte teilen alle Informationen, die ich finde und lese:

  • Verhalten wir uns in der "freien" Welt weiter als "freie" Menschen, die sich treffen, zusammen ausgehen, feiern und physischen Kontakt pflegen, sprechen wir in Deutschland rein statistisch schon bald von irgendetwas zwischen 3 und 4,5 Mio. Toten durch Covid-19. So viel zum Vergleich mit der normalen Grippe. Den ich im übrigen bis vor drei Wochen auch pflegte. Die bräuchte allerdings einige Jahrzehnte, um auf dieselbe Zahl zu kommen.

  • Das einzige wirksame Mittel, das wir aktuell haben ist körperliche Distanz.

  • Wir sollten alle darauf achten, die bekannten Hygienemaßnahmen einzuhalten, häufig die Hände waschen, unnötige Treffen mit anderen Menschen beruflich und sozial meiden.

Angela Merkel ruft uns, ebenso wie viele andere Politiker, zur Vernunft auf. Dazu, uns sinnvoll zu verhalten. In Ihrer Fernsehansprache: "Dies ist eine historische Aufgabe - und sie ist nur gemeinsam zu bewältigen." greift sie sogar zum drastischen Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg:



Wie verhalte ich mich?

Seit einer Woche leben meine Familie und ich in einer freiwilligen Quarantäne. Ich verlasse das Haus nur noch, um Einkäufe zu tätigen. In den Läden achte ich auf Abstände zu anderen – auch an der Kasse. Am Wochenende verzichtete ich auf den Besuch der runden Geburtstagsfeier meiner Cousine. Jeden Tag bewerte ich die Lage mit meiner Frau und unseren Kindern neu. Seit Montag vermeiden wir alle jeglichen physischen Kontakt außerhalb der Familie.


Wie verhalten sich andere?

Meine Kunden ergriffen alle Maßnahmen, um den physischen Kontakt auf das notwendigste Minimum zu reduzieren. Dort arbeitet Jede:r von Zuhause, die/der es kann.


Dennoch höre ich auch jeden Tag, wie viele Firmen überhaupt nichts unternehmen:

  • Menschen mit klaren Symptomen kommen weiter zur Arbeit.

  • Man verschweigt positiv getestete Mitarbeiter, denn sonst müsste die Kantine geschlossen werden.

Doch es geht über die Firmengrenzen hinaus:

  • Kinder gehen zu Kindergeburtstagen und werden von ihren Großeltern abgeholt, weil die Eltern selbst gerade unterwegs sind.

  • In den Parks, an Seen und den Böschungen der Flüsse finden ausgelassene Corona-Grillparties statt.

  • Trotz aller Beteuerungen der Politiker fehlen in den Supermärkten neben Toilettenpapier und Küchenkrepp auch viele haltbare Lebensmittel und Konserven.

Bei diesem Verhalten fragen gerade mich Menschen: "Gebhard, schau Dir das an. Wo sind denn jetzt die Leute, die ihr Gehirn benutzen? Das ist doch Deine Behauptung? Du sagst doch immer, wir sollen die Menschen in die Eigenverantwortung bringen? Jetzt, in der Krise, siehst Du was dabei heraus kommt. Es gibt Menschen, die brauchen eine Diktatur, um sich normal zu verhalten. Die brauchen jemanden, der sie zwingt, das Richtige zu tun!"


Meine Gedanken

Glücklicherweise gibt es Taiwan, Südkorea und ein paar andere Länder. Dort verhalten sich die Bürger, wie es Frau Merkel sich wünscht. Sie halten Distanz, achten auf Hygiene, der Staat kontrolliert schon seit Wochen scharf die Einwanderung. Dort geht das Leben fast normal weiter. Auch ganz ohne Abriegelung und staatsmächtigen Zwang. Und sie haben Covid-19 was die bekannten Zahlen angeht, ziemlich gut im Griff.


Wie kommt es dazu? Eine sehr plausible Antwort ist: Ihre Erfahrungen mit SARS in 2003 sind noch präsent. Mehr noch. Sie haben aus den damaligen Fehlern gelernt. Deshalb reagiert die gesamte Bevölkerung heute schnell und konsequent.


Fehlten diese Länder, ich hätte wohl keine Chance, die Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartner von oben zu gewinnen. Nur weil es ein erfolgreiches außerdiktatorisches Verhalten gibt, habe ich eine Möglichkeit, die Zusammenhänge aus meiner Sicht zu erklären.


Was ist Covid-19?

Statt der Krankheit interessiert mich jetzt das Phänomen. Ich will es mal an mir selbst in einem kleinen Zeitraffer darstellen:

Man sieht, es handelt sich um ein komplexes Thema. Zuerst einmal verändert sich meine Haltung innerhalb kürzester Zeit. Dann ändert sich mein Verhalten von gleichgültig zu konsequent in kaum drei Tagen. In den sechs Wochen zwischen dem 23. Januar und dem 13. März habe ich mehrfach meine Meinung grundlegend geändert. Heute halte ich mich mit Aussagen über die Zukunft sehr zurück. Etwa im Bezug auf die Versorgungssituation und dergleichen. Ich gebe zu, ich weiß es nicht besser.


Und (ACHTUNG ANMASSUNG) ich denke, ich bin als Transformations-Katalysator einigermaßen gut darin trainiert, mit komplexen Situationen umzugehen.

Mich bringt so schnell keine Gruppe, keine Aktion, keine Maßnahme, keine Reaktion auf Maßnahmen u.ä. aus der Ruhe.

Dennoch war ich in meinem ganzen bisherigen Leben noch nie einer Gefahr ausgesetzt, die innerhalb weniger Wochen bis zu 8% der deutschen Bevölkerung tödlich bedroht.


In meinen Theorien wäre es jetzt gut:

  • Menschen die Chance zu geben, sich individuell, für sich alleine mit dem Thema auseinanderzusetzen (ohne Einfluss durch so etwas wie Massenmedien)

  • Die eigene Betroffenheit zu klären (Gehöre ich zu einer Risikogruppe? Bin ich ein:e Überträger:in? usw.)

  • Und so durch Reflexion Herdentriebe (Toilettenpapierhamsterkäufe) zu vermeiden.

  • Um dann methodisch sinnvoll strukturiert (medizinische Forschung – Therapie/ Vorbeugung; innereuropäischer/globaler Warenverkehr – Grundversorgung täglicher Bedarf; strukturelle Sicherheit – Strom, Wasser, Finanzmittel; gesellschaftliche Sicherheit – Bildung/Informationstransparenz) Lösungen zu erarbeiten.

Für das alles ist der Zug wohl abgefahren. Und jetzt komme ich zum seltsamen Verhalten.

Menschen, mit denen ich arbeite, trainieren sich ständig im Umgang mit komplexen Problemen. Sie:

  • brauchen immer weniger Zeit und Moderation, um sich auch in widersprüchlichen Situationen klug zu verhalten.

  • können zunehmend gut unterscheiden, wann es für eine Entscheidung die Gruppe braucht.

  • denken für die ganze Organisation mit.

  • verhalten sich in der Balance zwischen ihren Interessen und denen der Gemeinschaft ausgewogen und sinnvoll.

Menschen, die in ihrer Arbeit darin trainiert werden, das zu machen, was ihnen die Vorgesetzten vorgeben, feiern Corona-Grillparties.


Überlegt bitte selbst wie viele Menschen wir darin trainieren, Komplexität zu übersehen? Wie vielen wir tagtäglich erklären, dass sie sich um die schwierigen Zusammenhänge nicht zu kümmern brauchen, denn die sind jenseits ihrer Gehaltsklasse? Wie vielen wir nahelegen, dass sie ihren Frust mit Weggehen, Feiern und legalem Drogenkonsum ausgleichen, anstatt nach dem Sinn in ihrem Leben zu streben?


Und jetzt erwarten Politiker, dass diese zehntausende von Menschen sich in einer komplexen Situation jenseits des Dreiklangs Anweisung-Kontrolle-Bestrafung sinnvoll verhalten, weil ihre (Landes)Führung sie darum bittet?

Ich sehe, dass Not-Gesetze kommen werden, die unsere Freiheit einschränken. Denn ohne die Durchsetzungsmacht, verhalten sich zu viele für die Situation unangemessen. Sie verstecken hinter der Freiheit ihre Eigennutzenoptimierung.


Wollten wir tatsächlich mehr Solidarität, hätten wir uns Menschen auf Arbeit wohl die letzten sieben Jahrzehnte anders trainieren sollen ...


Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht …


Hier geht's zum 2. Tagebucheintrag ...


Gebhard Borck


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