Corona-Tagebuch Woche 2 – Die Synergie eines Virus



Foto: Ciacomo Carra – Unsplash

Fakten:

  • Umsatzrückgang seit 13.03.2020 = 0%

  • Arbeitstage ohne fixe Termine aktuell = 2

  • Begonnenen Buchprojekte = 1

  • Mock-Ups für Softwareprojekte begonnen = 1 | offen = 2

  • Reichweite Toilettenpapier bei üblichem Verbrauch = 5 Wochen (ich konnte tatsächlich welches kaufen 😉)

  • Nachvollziehbare Downloads meiner eBooks = 212 (Dunkelziffer unbekannt)


Links rund um das Thema:

Das Virus geht um die Welt und so sind auch meine Links diese Woche internationaler ...


  • Tötet das Virus die freie Gesellschaft? Katharina Wiegmann von Perspektive Daily schildert im Artikel ihre Furcht, dass mit dem Virus auch einiges an Freiheit dauerhaft verloren geht. Wie in meinem letzten Tagebucheintrag geschlussfolgert, passiert das auch gerade. Es vollzieht sich eine Not-Gesetzgebung, um uns Menschen auf Distanz zu halten. Katharina Wiegmann stellt in Ihrem Essay drei, wie ich finde interessante, Begriffspaare gegenüber: Sicherheit vs. Freiheit | Politik vs. Wissenschaft | Solidarität vs. Egoismus. Mit ihren Bedenken ist sie dabei keineswegs alleine. In der spanischen Presse ist zu lesen ...

  • “Que China se muestre más eficiente es una mala noticia para la libertad” José María Lassalle, ein Professor für Philosophie und Recht an der Universität ESADE in Barcelona äußert sich in einem Interview. Er geht, unter anderem, auf die Tatsache ein, dass China die modernen Datenquellen (Bewegungsdaten, Verbindungsdaten aus dem Internet der Dinge usw.) nutzt, eine zweite Infektionswelle stringent zu vermeiden. Zudem weist er daraufhin, dass die erste Reaktion von Boris Johnson, der den Virus einfach über das Land fegen lassen wollte, auf einer Neoliberalen Grundhaltung fußt. Während in der Welt die Soziale Marktwirtschaft neben Neoliberalen und Diktatoren versucht, mit der Krise klar zu kommen, geht es in der lokalen Versorgung um die Folgen des Toilettenpapiermangels ...

  • Corona-Krise: Alternativen zu Klopapier - was darf ins WC? Ganz ehrlich, ich konnte mir bei der Überschrift das Grinsen kaum verkneifen. Doch tatsächlich erinnerte ich mich auch rasch an unseren überfluteten Keller. In einem Achtparteienhaus verstopften wir unser zentrales Abwasserrohr. Womit? Vier der Parteien hatten kleine Kinder – auch wir. Und so landeten mehr Feuchttücher in der Toilette, als das Rohr abführen konnte. In der Folge lief unser Keller voll mit Spülwasser aus den Toiletten. Und wir hatten noch Glück im Unglück. Denn unser Abwasserrohr ist im Erdreich vergraben. So kam nur das Wasser durch. Ich bringe diese Anekdote, weil sie zeigt, was Komplexität tatsächlich bedeutet. Es gibt direkte (lineare), indirekte (vernetzte) und Echo-(zeitversetzte) Effekte. Darauf geht Zeynep Tufekci in seinem Artikel ein ...

  • It wasn't just Trump who got it wrong Tufekci zeigt, ähnlich wie ich in meinem ersten Tagebucheintrag, dass wir als Gesellschaft die Fähigkeit systemisch zu denken, zu wenig trainiert haben. Anstatt sich mit der Systematik der Seuche auseinanderzusetzen und danach sinnvoll zu handeln, suchen wir schon vor der tatsächlichen Krise nach Verantwortlichen, um Schuld zuzuweisen.

Diese Woche hörte und las ich zusammengefasst folgende Informationsströme:

  • Wir brauchen ein einheitliches Vorgehen, sei es als Bundesrepublik Deutschland, als Europäische Union oder als westliche Welt.

  • Corona ist eine komplexe Herausforderung und wir sind keineswegs gewappnet, um damit erfolgssicher umzugehen.

  • Augenblicklich kostet uns das Krisenmanagement die Errungenschaften der freien Welt. Viele sind sich unsicher, inwieweit überhaupt und wenn ja, wie schnell wir in dieser Hinsicht wieder auf den Status vor der Pandemie zurückkommen.

  • Staaten gewinnen gegenüber der Wirtschaft wieder an Bedeutung.

  • Es ist völlig unabsehbar, wie sich der Ausnahmezustand mittel- und langfristig auf die Wirtschaft auswirken wird.


Wie verhalte ich mich?

Morgens informiere ich mich im Deutschlandradio über die aktuelle Lage. Wir wecken die Kinder wie zum Schulstart. Dann versorgen wir sie mit den virtuell mitgeteilten Arbeitsblättern und Aufgaben. Meine Frau arbeitet inzwischen auch zu 100% im Homeoffice. Ich nehme mir die Zeit, für die Familie zu kochen. Tagsüber führe ich mehr Gespräche als zuvor. Die meisten drehen sich um den aktuellen Zustand und seine Auswirkungen.

Wir sind eine spanisch-deutsche Familie. Also informieren wir uns täglich über die Entwicklungen in Spanien und wie es unseren direkten Verwandten dort geht.

Meine Frau ist Ärztin und fragt: "Warum sind die Firmen so inkonsequent? Das private Leben ist praktisch auf Einkaufen und Arztbesuche eingeschränkt. Doch in vielen Firmen werden weiterhin Güter hergestellt, die wir augenblicklich überhaupt nicht benötigen."

Ich erkläre ihr dann die wirtschaftlichen Auswirkungen, die fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen usw.. Der Austausch stellt am Ende stets dieselbe Frage: "Was ist wohl wichtiger, Gesundheit oder Wirtschaft?"

Wir haben riesiges Glück, dass sich unsere Kinder weitgehend gut vertragen. Außerdem haben wir genug Platz, um uns auch aus dem Weg zu gehen. Wir haben eine Wohnung mit einem Bürobereich sowie einer Terrasse und einem Garten. Dennoch fällt uns in immer kürzeren Abständen doch die Decke auf den Kopf.

Abends schauen wir zusammen, inzwischen ziemlich sprachlos, auf die Entwicklung der Infektions- und Sterbestatistiken. Es entwickelt sich langsam ein makaberes Spiel. Anhand der Statistiken geben wir Schätzungen ab, wer Italien und Spanien als nächstes in die medizinische Katastrophe folgen wird.


Meine Gedanken

Tatsächlich nutze ich die Zeit, um meinen Blick auf wirtschaftliches Zusammenleben zu schärfen. Ich habe begonnen mein drittes "dickes" Buch zu schreiben. Es erklärt, wie ein Betrieb denken kann, will er in einer komplexen Welt erfolgreich sein. Schaue ich auf die Entwicklungen, sehe ich in verschiedenen Beispielen die immer gleichen Muster der linearen Dummheit. Und das im Umgang mit einem komplexen Problem. Was sind diese Muster?

Folgende Faktoren bringen mich dazu anzunehmen, dass unser Vorgehen in Deutschland augenblicklich funktionieren kann:


  • Die Mathematik zeigt uns, dass die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 ebenso überproportional ansteigen kann, wie die Zahl der Neuinfektionen. Dann käme es zum Kollaps des Gesundheitssystems nach den Gesetzen der Warteschlangentheorie. Das würde auf jeden Fall zu einer sechs- vielleicht sogar siebenstelligen Zahl von Verstorbenen noch innerhalb dieser Saison führen. Und das wären nur die Covid-19 Zahlen. Hinzu kämen all die Menschen, die aufgrund der Überbelastung des Systems selbst, keine Notfallbehandlung mehr bekämen bzw. in dieser Zeit auf eine Operation verzichten müssten, mit der die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie früher sterben als nötigt. Genauer beschreibt diese Zusammenhänge Zeynep Tufekci in seinem Artikel. Um diese Sterberaten zu vermeiden, ist es nötig, die Ansteckungszahlen zu reduzieren. Augenblicklich ist das einzige dafür erfolgsversprechende Mittel räumliche Distanz.

  • Im Verhältnis zu den Ansteckungsraten bleibt die Zahl der Verstorbenen zu anderen Ländern verhältnismäßig niedrig. Das weist für mich daraufhin, dass sich doch mehr Menschen schon vor den Beschränkungen an das Distanzgebot gehalten haben. Denn es ist eine besondere Eigenschaft dieses Virus, dass es viele völlig unauffällige Verläufe gibt. Hier sind also Menschen als Überträger unterwegs, die davon selbst nichts mitbekommen. Deshalb reichen Tests alleine auch nicht aus. Es braucht tatsächlich schon seit einiger Zeit viele Menschen, die von sich aus verstärkt auf Distanz und Hygiene achten.

  • Der Lebensmittelhandel und die Menschen ziehen mit. Als ich vor einer Woche samstags zur Drogerie ging, um Seife zu kaufen, drängten sich die Menschen noch eng vor der Eingangstür, bis der Laden endlich öffnete. Von 1,5 Meter Abstand keine Spur. Seit Dienstag halten in meinen Supermärkten, beim Bäcker, in der Drogerie ... die meisten Menschen den Abstand ein. Wir gehen uns räumlich aus dem Weg. Auch, weil alle Läden in kürzester Zeit Plexiglasscheiben an den Kassen montierten und rote Klebestreifen am Boden anbrachten. Das Abstandsgebot ist so in meinem Alltag unübersehbar.

  • Die Schulen haben extrem schnell auf digital umgestellt. So gelingt es uns, unsere Kinder mit etwas durchaus Sinnvollem zu beschäftigen. Bei uns klappt das soweit auch gut. Interessant ist zu beobachten, dass unser Sohn es vorzieht die Tagesaufgaben in einem Aufwasch durch zuziehen, während unsere Tochter regelmäßig Pausen einlegt. So individuell konnten sie wohl noch nie lernen 😉.

  • Viele Firmen haben ebenso schnell auf digital umgestellt. Wo ich vor zwei Monaten mit MS-Teams, Zoom, Hangouts, Google-Drive, One-Drive, Slack, Mattermost etc. noch ein Exot war, habe ich in den letzten Tagen nur ca. die Hälfte meines Austausches über Telefon gemacht. Die andere war schon in einer Video-Live-Schalte.

Nebst all dieser positiven Entwicklungen fehlen mir beispielsweise Messdaten, denen ich vertraue. Es fiel mir diese Woche sehr schwer, meiner Familie in Spanien die Unterschiede der Todesraten zwischen ihrem und unserem Land zu erklären. Zu verschieden sind Messverfahren, Testhäufigkeit und die Aussagen, die dazu in den Medien oder von den Regierungen zugänglich sind.


Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen treiben mich um. Es ist um einiges schwieriger, Sterberaten auf wirtschaftliche Zusammenhänge zurückzuführen, als auf eine Viruserkrankung. Dennoch ist anzunehmen, dass viele Menschen, etwa beim Shut-Down in Indien, mehr erleiden, als nur einen wirtschaftlichen Einschnitt.

Gibt es so etwas wie zwei Kurven, die uns aufzeigen, wann die Pandemie und wann ihre vernetzten Auswirkungen tödlicher sind? Will ich so etwas überhaupt sehen?


Ich sehe, dass die Notgesetze länger bleiben, als wir uns das vorstellen. Ich erwarte, dass wir schon bald weitere vernetzte Auswirkungen spüren, die heute niemand auf dem Schirm hat. Bleibt die soziale Begrenzung erhalten, können wir wohl schon in den kommenden Wochen etwa mit einer Zunahme an häuslicher Gewalt rechnen.

Zugleich denke ich, dass der wiedererstarkte Staat dazu führt, dass die AfD an Gewicht verliert. Es ist eine Zeit, in der vieles von dem, was ich Firmen seit zwei Jahrzehnten empfehle, enorm wertvoll ist.

Ich warte weiterhin ab, ob unser Staatswesen die Zeit auch nutzt, um sich selbst weiterzuentwickeln oder ob wir in eine klassisch links geprägte Staatsdenke zurückfallen.


Meine Frau meinte diese Woche: "Es ist schon bezeichnend, dass gerade die egozentrierten, weißen, europäisch geprägten Machos (Trump, Johnson, Putin Anm.d.Autors) –also die gerne geforderten starken Führer – ihre Bevölkerung erst einmal ungebremst in die Pandemie haben laufen lassen."


Erst musste ich einigermaßen ernüchtert schmunzelnd zustimmen. Später in der Woche wurde ich auf einen Artikel hingewiesen, in dem es um Radikalisierung geht. Die Autoren entwickeln darin den Begriff der Brückennarrative. So stelle ich im Steigbügel der Beobachtung meiner Frau und aus Sympathie zum neuen Wort folgende These als Anregung zur Woche in den Raum:


Das Bild des benötigten starken Führers als einen egozentrierten, weißen, europäisch geprägten Macho verbindet ansonsten auf Distanz gehende radikal Linke, unverwüstlich Neoliberale und sozial Nationale Gemeinschaften gleichermaßen.

Bild Gebhard Borck

Leider ist es sogar einfach, sich DAS vorzustellen, wenn man es nur versucht 😉...


Hier geht's zum vorherigen Tagebucheintrag ...


Hier geht's zum nächsten Tagebucheintrag ...


Gebhard Borck


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