Der Chef stirbt im Wald: Wo führerlose Teams ihren Anfang nehmen

Als ich Stephan Heiler vor einigen Jahren traf, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit ihm auf einem Jägerstand sitzen und mich zusammen mit ihm unter meine Regenjacke kauern würde. Aber genau so kam es. Denn Stephan hat eine Vision, die ich begeistert mit ihm teile: ein Unternehmen ohne formalen Chef.

Bald nach unserem Kennenlernen stand fest: Stephan würde die Nachfolge seines Vaters im Familienunternehmen antreten und der neue Chef der Alois Heiler GmbH werden. Dass er den Betrieb nicht als klassischer Chef und alleiniger Anweiser führen wollte, war Stephan früh klar. Also coachte ich ihn. Wir erarbeiteten zusammen drei wertvolle Lektionen für sein Unternehmen – die unterdessen auch für jeden anderen Chef gelten.

1. Auch der Chef kann sich verlaufen.

Während unseres ersten Coaching-Termins entführte ich Stephan in den Wald. Mit seiner Zustimmung zwar, ja, aber wohl auch zu seiner Überraschung. Denn weder er noch ich kannten uns aus. Und so kam es, wie es kommen musste: Wir verliefen uns. Weil uns ein Anführer, ein Kundiger, der Chef fehlte.

Das Wetter drückte seine Häme darüber noch zusätzlich aus, indem es uns einen dicken Sturm schickte, mitsamt Regen und Windböen. Nur ich hatte zufällig eine Regenjacke im Rucksack. Wie wir schließlich auf einem Jägerstand Zuflucht fanden, könnte man meinen: Schlimmer kann es ja gar nicht kommen. Aber Stephan zog aus dem Erlebnis genau den richtigen Schluss: Ja, uns war zeitweise die Orientierung abhanden gekommen und wir mussten enger zusammenrücken, als wir es uns beim ersten Treffen ausgemalt hatten. Aber davor hätte uns auch kein Chef bewahrt. Denn auch der kann nicht alles voraussehen. Auch ein Chef verläuft sich.

2. Die Kelten hatten auch keinen Chef.

Beim zweiten Treffen besuchte ich mit Stephan ein Keltenmuseum bei Ludwigsburg. Denn die Kelten lebten schon vor zweieinhalbtausend Jahren vor, was mancher Chef bis heute nicht glaubt: dezentrale Organisationen können ganz wunderbar funktionieren.

Dazu gehört, dass die Akteure gemeinsame Interessen verfolgen sowie Überzeugungen und Vorgehensweisen teilen. Aber einen gemeinsamen Chef? Den brauchen sie offensichtlich nicht.

3. Wer will schon einen Diktator?

Unser dritter und vorerst letzter Ausflug führte uns in ein weiteres Museum: das DDR-Museum in Pforzheim. Stephan kam ins Grübeln und auch ich selbst bin jedes Mal aufs Neue erstaunt, wenn ich mir vor Augen führe: Die Führungsstrukturen in Unternehmen sind häufig erschreckend nahe dran am sozialistisch-diktatorischen Denken der DDR - und damit alles andere als modern oder auch nur zeitgenössisch.

Diese drei Erkenntnisse hat Stephan verinnerlicht und gemeinsam mit mir peu à peu auf seinen Betrieb übertragen, nachdem er diesen übernahm.

Heute führt er ein Unternehmen, in dem der Markt der Chef ist. Denn letztlich geben der Markt, die Kunden, die Wettbewerber, die Verbände, die Gesetze usw. vor, was nötig ist und was angegangen werden muss – kein alleinherrschender Chef.

Es sich vorzustellen ist einfach, wenn man es nur versucht ...

Gebhard Borck

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